Das linke Gespenst und die Rebarbarisierung
des Politischen
Gute
Mörder, schlechte Mörder
Der Stadtrat beauftragt den Oberbürgermeister,
sich "für die Freilassung aller
politischen Gefangenen" einzusetzen.
Die Landesregierung beschließt, "sie
als Kriegsgefangene anzuerkennen" und
die Urteile nicht ins Strafregister einzutragen.
Bundestagsabgeordnete und Landtagsabgeordnete
fordern auf einer Kundgebung am Knast vor
mehreren Tausend Menschen eine Begnadigung
der "politischen Gefangenen".
Ging es um verfolgte KPDler oder RAF-Gefangene?
Nein, um die in Landsberg inhaftierten Akteure
des nationalsozialistischen Staatsterrors,
um Massenmörder und Verbrecher gegen
die Menschlichkeit. CSU-Abgeordnete und
die bayerische Staatsregierung handelten
wie beschrieben und als bei der Kundgebung
am 7. Januar 1951 dreihundert jüdische
"Displaced Persons" an die Opfer
erinnern wollten, wurden sie von der deutschen
Polizei festgesetzt. Am 30. Januar 1951
wurden fast alle Strafen herabgesetzt und
bis 1958 alle in Nürnberg und Dachau
verurteilten NS-Kriegsverbrecher entlassen,
nach maximal 13 Jahren.
Ein Dutzend Schüsse werden auf eine
kurzfristig verbotene Demonstration abgefeuert.
Mindestens drei jugendliche Gewerkschafter,
einer parteilos, einer Sozialdemokrat, einer
Kommunist, werden von hinten getroffen.
Staatsterrorismus einer Militärdiktatur?
Nein, an der "Jugendkarawane gegen
Wiederaufrüstung und Generalvertrag"
am 11. Mai 1952 in Essen nahmen etwa 30.000
Personen teil. Polizeikommissar Knobloch
erteilte den Schießbefehl und zwei
der Kugeln trafen Philipp Müller tödlich.
Am 2. Oktober 1952 entscheidet das Dortmunder
Landgericht auf "Notwehr", während
elf Demonstranten zu Gefängnisstrafen
bis zu zwei Jahren verurteilt wurden. Als
der KPD-Abgeordnete Heinz Renner im Bundestag
am 14. Mai 1952 einen Untersuchungsausschuss
fordert, lässt ihn Bundestagspräsident
Hermann Ehlers (CDU) aus dem Saal werfen.
Der tödliche Schuss kam für das
Opfer unerwartet. Die Presse kritisierte
am nächsten Tag "SA-Methoden"
und die Polizeigewerkschaft verlangte ein
Abgehen vom Kurs der "weichen Welle"
bei der "Behandlung dieser Kriminellen".
Ein RAF-Attentat? Nein, die Erschießung
Benno Ohnesorgs am 2. Juni 1967. Der SPD-Bürgermeister
gab den Demonstranten die Schuld und fand
jahrelang kein Wort für die Angehörigen
des Toten. Ein Einsatzleiter der Westberliner
Polizei entpuppte sich später als alter
SS-Mann. Der Todesschütze, Kriminalkommissar
Kurras, wurde am 21. November 1967 von der
Anklage des Totschlags freigesprochen. In
einem zweiten Prozess 1970 wurde er zwar
zu zweieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt,
aber nach vier Monaten freigelassen. 1975
trat er erneut in den Polizeidienst.
In Hamburg wird ein deutscher Polizist von
einem RAF-Mitglied erschossen, der Täter
legt ein Geständnis ab. Aber BKA, Bundesanwaltschaft
und Gericht stellen keine individuelle Schuld
fest. Eine Fiktion? Nein, Gerhard Müller,
zusammen mit Ulrike Meinhof im Juni 1972
verhaftet, hatte am 21. Oktober 1971 den
Polizisten Norbert Schmid erschossen. Im
Frühjahr 1975 legte er bei LKA und
BKA eine "Lebensbeichte" ab. Dieses
Geständnis wurde vom Generalbundesanwalt
Buback unter Verschluss genommen. Er ließ
Müller 1976 neu aussagen und legte
eine frische Akte an. Müller wurde
wegen des Mordes freigesprochen und im Gegenzug
der wichtigste Belastungszeuge im Stammheimer
RAF-Prozess. Als Buback am 14. Oktober 1976
als Zeuge vom Ensslin-Verteidiger Otto Schily
nach der alten Akte befragt wurde, bestritt
er einfach alles. Bundesjustizminister Hans-Jochen
Vogel (SPD) erklärte, das Bekannt werden
des Inhalts dieser Akte würde dem "Wohle
des Bundes" Nachteile bereiten. Müller
wurde freigelassen und ist "unbekannten
Aufenthalts". 15 Blatt dieser Geheimakte
3 ARP 74/751 sind bis heute streng geheim
und die Fragen der Angehörigen bleiben
unbeantwortet. Müller müsste immer
noch vor Gericht gestellt werden, wenn diese
Akte mit seinem Geständnis des Polizistenmords
geöffnet würde.
Bei der Explosion einer Bombe in einer europäischen
Großstadt kommen 13 Menschen ums Leben,
211 werden verletzt, 68 davon schwer, der
Attentäter wird von seiner eigenen
Bombe zerfetzt. Ein islamistisches Selbstmordattentat?
Nein, der Anschlag vom 26. September 1980
auf das Münchner Oktoberfest. Der Kanzlerkandidat
der Union macht am Tatort "Linksterroristen"
verantwortlich. Als der umgekommene Attentäter
Gundolf Köhler als Neonazi mit Verbindungen
zur Wehrsportgruppe Hoffmann identifiziert
wird, ist die "linke Spur" erledigt.
Trotz zahlreicher Indizien und Zeugenaussagen
mit Hinweisen auf Komplizen beharrt die
Bundesanwaltschaft auf einem "sozial
isolierten und verbitterten Einzeltäter"
und stellt das Verfahren ein. Wiederaufnahmeanträge
von Opfern und Angehörigen werden abgelehnt.
Wer ein guter Mörder ist und wer ein
schlechter, wer überhaupt einer ist
und ob es "Mittäter" gibt,
was Terror ist und was nicht, wird nach
Staatsräson entschieden. Das Nähere
regeln die herrschenden Kräfteverhältnisse.
Leitartikel über moralische Verantwortung,
persönliche Schuld, Gnade, Reue und
zivilgesellschaftliche Normen ändern
da nichts dran.
Der
Terror des Deutschen Herbsts 1977
Hinter den RAF-Akteuren oder bei Attentaten
Getöteten verschwinden die Hunderttausende,
die in den 1970er Jahren (wenn auch ideologisch
gespalten) gegen Imperialismus, Reaktion,
Patriarchat, Ausbeutung und Umweltzerstörung
für eine emanzipatorische Perspektive
lebten. Gesellschaftlichen Zusammenhängen
widmet sich der aktuelle Terrordiskurs nicht,
weil es dort gerade nicht um politische
Inhalte, sondern um zweckdienliche Bedeutungszuweisungen
und Begriffsprägungen geht. Wer die
Begriffe gegen alle Realitäten besetzen
will, will die Erinnerung und das Denken
manipulieren: "Repression besteht darin,
dass man vergisst, dass es noch andere Begriffe
gab, dass man bestimmte Bedürfnisse
so lange unterdrückt und verdrängt,
bis man sie gar nicht mehr zu haben, ja
nie gehabt zu haben scheint" (links,
1976). 1977 steht heute als Begriff für
RAF-Terror, der Staatsterror von 1977 wurde
verdrängt.
Der Deutsche Herbst hatte einen langen Vorlauf.
Bundeskanzler Kiesinger sprach bereits angesichts
der APO im Sommer 1969 vor der 20. Mitgliederversammlung
des Bundesvorstands der Deutschen Industrie
von Krieg: "Wir müssen lernen,
dieser Bürgerkriegssituation richtig
zu begegnen." Wie F.J. Strauß
so einen "Bürgerkrieg" führen
würde, klang in seinem berühmten
Zitat durch, dass sich die APO benähme
"wie Tiere, für welche die Anwendung
der für Menschen gemachten Gesetze
nicht möglich ist". Im März
1971 ergab eine repräsentative Allensbach-Umfrage:
51% hielten die RAF für politische
Kämpfer, nur ein Fünftel stufte
sie als Kriminelle ein. Spätestens
1977 hatte die RAF mit ihren Angriffen auf
hohe Beamte wie Buback oder exponierte Vertreter
der kapitalistischen Klasse wie Ponto oder
Schleyer und ihrer Forderung nach der Freilassung
der Gefangenen die Staatsräson massiv
und unaufschiebbar in Frage gestellt. Dagegen
richtete sich der Deutsche Herbst. Die im
SS-Sicherheitsdienst und der Nazi-Justiz
ausgebildeten oder in dieser Tradition stehenden
Repressionspraktiker des BKA und der Staatsschutzsenate
hatten Kenntnis davon, wie Staatsterror
ausgeübt wird und sahen sich wie Generalbundesanwalt
Buback es 1975 formulierte: "Ich habe
den Krieg überstanden. Dies ist ein
Krieg mit anderen Mitteln." Kleiner
und Großer Krisenstab mit den ehemaligen
Leutnants und Oberleutnants der Wehrmacht
(Schmidt, Maihofer, Wischnewski und BKA-Chef
Horst Herold) begannen jeden Tag wie mit
der "Feindlage". Die Berufung
auf einen "übergesetzlichen Notstand"
war der nicht erklärte Ausnahmezustand
mit sechs Wochen Nachrichten- und Kontaktsperre.
BKA, Bundesanwaltschaft, Geheimdienste und
politische Justiz agierten mit neuer Machtfülle
gegen alles, was als (mögliche) Bedrohung
der Staatsräson definiert wurde: die
radikale Linke. Die Repression gegen die
APO und die Berufsverbote von 1972 hatten
offensichtlich nicht gereicht. Schon Mitte
1976 saßen zahlreiche DemonstrantInnen
und 112 "TerroristInnen" in Haft,
1977 waren es mehr. Gegen K-Gruppen liefen
Verbotsanträge, die universitäre
Linke wurde mit Distanzierungsaufforderungen
diszipliniert und die Anti-AKW-Bewegung
wurde 1977 am schnellen Brüter von
Kalkar mit bundesweiten Vorkontrollen (u.a.
ein von Hubschraubern gestoppter Regionalzug)
bei dem bis dato größten Polizeieinsatz
der BRD attackiert. Ministerpräsident
Ernst Albrecht fabulierte 1977 über
"sittlich gebotene Folter zur Informationsgewinnung"
und in der CSU-Bundestagsfraktion war über
standrechtliche Erschießungen von
Gefangenen diskutiert worden. Ende 1977
war die Frontstellung so starr, dass sie
die Integrationskraft des Systems gefährdete.
Ein permanenter Deutscher Herbst hätte
unerwünschte Folgen gehabt, denn wenn
Konfliktlösungen nicht mehr an der
Wahlurne oder in Tarifverhandlungen reguliert,
sondern nur noch diktiert werden, und gesellschaftliche
Konflikte nicht mehr verhandelt werden können,
erodiert die kulturelle Hegemonie der Bourgeoisie
und ihre reibungslose Kapitalakkumulation.
Staatsterroristische Herrschaft ist zumindest
auf lange Sicht weniger profitabel und riskanter.
Die unterschiedlichen Interessen und Fraktionen
in politischer Klasse und Gesellschaft brachen
nach der Abwehr der unmittelbaren Bedrohung
der Staatsräson bald wieder auf.
Ab 1977 entstanden in zivilgesellschaftlichen
Prozessen linke systemimmanente Projekte
wie die taz oder die Grüne Partei und
der 1977 noch unantastbare Big Brother Herold
musste ein Jahr später wegen aufkommender
Proteste gegen seine Überwachungsstaatvisionen
gehen. 1980 erweitere der neue FDP-Innenminister
die rein repressive Antiterrorlinie um seinen
"Baumschen Tunnel": Abschwörer,
die ihn durchkrochen, bekamen einen "fairen
Prozess". Aber auch nur die. Es war
herrschaftstechnisch einfach suboptimal
gewesen, linksradikalen Militanten keine
Alternative jenseits von Tod, Verrat oder
lebenslangem Knast zu bieten. (Die Amnestie
für Demonstrationsdelikte für
Hunderte APO-Mitglieder hatte gut zehn Jahre
zuvor einen im Prinzip ähnlichen Zweck
erfüllt: die Möglichkeit, wieder
Teil der bürgerlichen Gesellschaft
zu werden).
Terror
und Staatsterror
Der alte Brockhaus definierte Terror als
"eine gewalttätige Form des politischen
Machtkampfes, insbesondere der brutalen
Regierung eines Diktators zur Aufrechterhaltung
seiner Herrschaft", sprich: Staatsterror.
Der moderne Terrorismusexperte Waldmann
sieht Terror anders: "Planmäßig
vorbereitete, schockierende Gewaltanschläge
gegen eine politische Ordnung aus dem Untergrund."
In diesem staatlichen Verständnis verkörpert
"Terror" die Unmöglichkeit
der Integration, wo Dialog und zivilisierte
Mittel nicht helfen. Jemanden in die Nähe
von "Terrorismus" zu rücken,
ist die Drohung, bereits auf Verdacht mit
nötigenfalls extralegalen Mitteln gegen
ihn vorzugehen. Die Zuschreibung "Terrorist"
öffnet die Büchse der Pandora:
"Killfahndung", Isolationshaft
und physische Folter statt rechtsstaatlicher
Verfahren. Murat Kurnaz kann das bezeugen.
Sieht sich der Staat bedroht, wird "die
Rebarbarisierung des Politischen zum Ehrenzeichen
einer kämpferischen Zivilisation"
(Sebastian Scheerer). Diese Rebarbarisierung
kann Staatsterror sein, der aber "übergesetzlicher
Notstand", "Ausnahmezustand"
oder "Sicherheitsmaßname"
heißt, oder das Regieren mittels der
Angst vor "Terror". "Am Ende
kann es soweit kommen, dass Sicherheit und
Terror ein einziges tödliches System
bilden" (Agamben).
Damit Politik mit der Angst vor dem Terror
funktionieren kann, muss Terror inszeniert
werden, er will und braucht ein Publikum,
also Massenmedien und irgendein Drehbuch.
Das kann mit Falschmeldungen geschrieben
werden (wie die 1974 verbreiteten "Erkenntnisse",
dass die RAF WM-Fußballstadien mit
Raketen angreifen wolle), oder auch mit
gesteuerten Attentaten - siehe die Massaker
der 1970er und 1980er Jahre durch faschistisch-geheimdienstliche
Bomben im Rahmen der "Strategie der
Spannung" in Italien und die Oktoberfestbombe.
"Sicherheitsbedrohungen" durch
staatlichen Terrorismus zu erzeugen, um
dadurch eine Rebarbarisierung zu legitimieren,
ist ungeheuer zynisch, aber funktional.
Islamistische Bombenanschläge wie in
New York, Madrid oder London passen allerdings
ohne große Drehbücher nahtlos
in jede Terror-Inszenierung.
Der "War on Terror" berührt
ein grundsätzliches Dilemma von Herrschaftsausübung:
In einem kapitalistischen Krieg führenden
Land muss die Unterscheidung zwischen staatlicher
und nicht-staatlicher, illegaler, Gewalt
gegen alle Realität behauptet und durchgesetzt
werden. Es ist ein politisches Problem,
einerseits Krieg zu führen, also tödliche
Gewalt als Mittel staatlicher Politik zu
nutzen, und andererseits Gewalt als Mittel
gesellschaftlicher Auseinandersetzungen
zu ächten. Immerhin muss es in dieser
Konstellation den Staatsmacht projizierenden
und vorsätzlich tötungsbereiten
Soldaten ebenso geben wie den gewaltfreien
Oppositionellen. Beide müssen im Rahmen
desselben Systems gewaltfähig, bzw.
gewaltlos gehalten werden. Die Unterscheidung
zwischen einem Luftwaffeneinsatz, der womöglich
zivile "Kollateralschäden"
verursacht und Anschlägen auf Militärbasen,
von denen diese Einsätze ausgehen,
muss unbedingt aufrechterhalten werden,
entsprechend die Unterscheidung zwischen
guten Opfern (z.B. Bundeswehrsoldaten in
Afghanistan, die ein Staatsbegräbnis
bekommen) und schlechten Opfern (z.B. durch
NATO-Bomben getötete serbische Zivilisten,
deren Angehörige keine Entschädigung
erhalten). Die staatsterroristische Antwort
des "War on Terror" tötet
afghanische, libanesische oder irakische
Zivilisten und verletzt die Grundrechte
der einheimischen Staatsbürger.
Dieses grundsätzliche Dilemma kann
durch eine zweckmäßige Bedeutungsproduktion
von "Terror" gemildert werden.
Diese Aufgabe erfüllt der Terrordiskurs.
Er ist kein Ergebnis einer Verschwörung,
die ihn steuert, aber er wird betrieben
im Sinne der Staatsräson. Er ist gesellschaftlichen
Einflüssen wie denen einer konkurrierenden
Presse ausgesetzt, aber unterm Strich hat
er eine unstrittige Gemeinsamkeit: Kein
Angriff auf das staatliche Gewaltmonopol,
keine Revolution. Mit anderen Worten, der
Terrordiskurs richtet sich gar nicht gegen
Terror, er soll vielmehr das Terrormonopol
des Staates schützen.
Der
RAF-Terrordiskurs
Rund um den 30. Jahrestag des Buback-Attentats
war zu sehen, dass trotz "War on Terror"
und "islamistischer Bedrohung"
hierzulande noch der pure RAF-Terrordiskurs
geführt wird. Zu ihm gehört spätestens
seit der Debatte um die RAF-Ausstellung
in den Berliner KunstWerken 2003 die Historisierung
der RAF und möglichst aller Militanz.
Dieser Aufgabe hat sich besonders das Hamburger
Institut für Sozialforschung verschrieben,
wo selbstgerecht und durchaus nicht ergebnisoffen
zur theoretischen und persönlichen
Abwegigkeit linksradikalen Widerstandes
publiziert wird. Auf diese Damen und Herren
trifft vielleicht Heiner Müllers Bonmot
zu, dass in ihrer düsteren Vorzeit
"ein Molotowcocktail das letzte bürgerliche
Bildungserlebnis" war.
Warum diese unsouveräne Vehemenz, mit
der von Altlinken auf Militante und die
gar nicht mehr existierende RAF eingedroschen
wird? Lust bereitet ihnen wohl die Befriedigung,
dass "die" es politisch auch nicht
geschafft haben. Womöglich spüren
manche noch die Scham, damals unter dem
Distanzierungsdruck des Deutschen Herbstes
eingeknickt zu sein, und wehren das mit
wüsten Ressentiments gegen alles, was
nach RAF aussieht, ab. Ehemalige KPD/AO-
oder KBW-Mitglieder wie Aly, Vollmer, Koenen,
Bütikofer usw. hätten gute Gründe,
über ihre Rolle in repressiven Binnenstrukturen
und bei politisch verheerender Sektiererei
nachzudenken. Aber statt auf Selbstkritik
verfallen sie auf nach- und vorauseilende
Anpassung: weil sie mal den Völkermord
der Roten Khmer verteidigt haben, müssen
sie heute Antiimperialismus verteufeln,
weil sie mal für die Diktatur des Proletariats
waren, müssen sie nun den bürgerlichen
Staat lieben. Wer wie Schily oder Fischer
bis an die Macht gekommen ist, hat seine
repressive Anpassungsleistung staatlich
lizenziert bekommen und muss sich nicht
mehr erklären.
Der Terrordiskurs darf keine Gründe
für militanten Kampf transportieren.
Die alten RAF- und RZ-Anschläge auf
US-Militärbasen sind wegen der heutigen
CIA-Folter- und Nachschubflüge für
den Irakkrieg von eben diesen Stützpunkten
ganz tabu. Aktionen wie die Sprengung des
Knastes von Weiterstadt oder die glücklich
gelaufene Lorenz-Entführung der Bewegung
2. Juni oder die internationalistischen
Aktionen der Roten Zora gegen die Ausbeutung
von Frauen in Weltmarktfabriken, bzw. die
militante Solidarität der RZ mit Flüchtlingen
und das Umlegen von Strommasten nach Tschernobyl
durch Anti-AKW-AktivistInnen usw. werden
tunlichst wenig erwähnt.
Der Terrordiskurs greift umstrittene und
falsche RAF-Aktionen auf. Dass ihm das möglich
ist, liegt in der Verantwortung der AkteurInnen
für hinrichtungsartige Erschießungen,
zufällige Opfer, und vor allem die
Beteiligung an der Geiselnahme von ZivilistInnen
bei der Landshut-Entführung. Im Fall
der RZ waren die Verbindungen zur Carlos-Gruppe
und der Flugzeugentführung nach Entebbe
verheerend.
Der Terrordiskurs darf Personen vorführen:
"Personalisierung ist das operative
Mittel der psychologischen Kriegsführung"
(Texte: der raf). Gegen positive linke Ikonen
wie Che Guevara oder einzelne RAF-Mitglieder
wie Holger Meins oder Ulrike Meinhof stellt
er das gescheiterte, geläuterte und
auf jeden Fall verbrecherische Individuum.
(Die kollektiv praktizierte Politik bleibt
übrigens bei beiden Sichtweisen auf
der Strecke.) Wenn sich ehemalige AkteurInnen
des bewaffneten Kampfes heute individuell
äußern - manche waren ja schon
immer viel mit sich selbst beschäftigt
-, befördern sie die Vereinzelung und
Psychologisierung des ehemals Politischen,
ihres Kollektivs. Was nie passt, sind revolutionäre
Positionen und die Verteidigung kollektiver
Praxis. (Selbstverständlich ist es
ein grundsätzlicher Unterschied, ob
jemand wie Boock andere anscheißt
oder sich integre Ex-Gefangene selbstkritisch
äußern, aber in die Personalisierung
eines Terrordiskurs fügt sich leider
beides ein.)
Die Begnadigungsdebatte um Christian Klar
belegt übrigens, auf wen der aktuelle
Terrordiskurs zielt. Seine verratslose Distanzierung
von der vergangenen RAF reichte nicht. Er
blieb im Knast, weil er antikapitalistische
Grüße an die heutige Linke schickte.
Die taz machte einen barmherzigen Vorschlag:
"Die Konservativen müssten anerkennen,
dass die RAF sich aufgelöst hat und
Geschichte ist. Sie müssten aufhören,
immer noch mal siegen zu wollen. [...] Für
die Täter hingegen wäre zu wünschen,
dass sie die RAF endgültig auflösen
würden. Das bedeutet: Sagen, wer geschossen
hat, und sich zur individuellen Schuld zu
bekennen, um so das Korsett des "Gruppen-Wir"
durch ein Ich zu ersetzen" (Stefan
Reinicke, 21.5.07). Anders gesagt: Verrat
macht frei. Da passt der Terrordiskurs wie
die Faust aufs Auge zu den Bemühungen
von BAW und BKA, "individuell Schuldige"
für die RAF-Aktionen der 80er und 90er
Jahre zu finden, während sie früher
das Kollektiv RAF gar nicht groß genug
bekommen konnten, um möglichst viele
ohne mühseligen individuellen Schuldnachweis
nach §129a einknasten zu können.
Ein
Gespenst geht um ...
Dass der Terrordiskurs viel mit der heutigen
Linken zu tun hat, zeigt auch der Kommentar
von Frank Jansen im Berliner Tagesspiegel
am 27.5.07: "Revolution und Kommunismus,
das ist eine zentrale Lehre der Geschichte,
haben der Nachkriegslinken schwer geschadet.
Das SED-Regime und die RAF [...] verkörpern
auf ewig das Scheitern der deutschen Modelle
totalitärer linker Ideologie. [...]
Schluss mit dem Quatsch. Die wahren Linken
von heute sind nicht Fidel Castro oder Untote
[sic!] wie Che Guevara, Mao, Lenin, Stalin,
Trotzki, Bakunin, Marx. [...] Die echten
Linken heißen zum Beispiel Heiner
Geißler und Al Gore." Und dann,
mit Bezug auf den G 8 in Heiligendamm: "Die
extreme Linke scheint im Kampf um die Bilder
vorne zu liegen. Und sie könnte ihn
gewinnen, sollte in Rostock oder am Zaun
schwere Randale gelingen. [...] Gewaltfreie,
nicht-extremistische Linke müssen sich
von den Revolutionären' absetzen."
Da ist aber jemand ziemlich besorgt, dass
Revolutionäre nicht tot zu kriegen
sind und das alte linke Gespenst wieder
in Europa - und nicht nur da - umgeht. Zu
Recht?
2007 geht es wie 1967 oder 1977 um die Wahrung
der Staatsräson: Soziale Unruhen verhindern
oder unterdrücken und fehlenden gesellschaftlichen
Konsens übertünchen. Konkreter
gesagt: zu verhindern, dass ein entnervter
pauperisierter Pöbel die Vorortvillen
der Reichen niederbrennt - so formulierte
es ein Oberstleutnant kürzlich in einem
Interview der jungen welt. Geändert
haben sich allerdings die Bedingungen. Eine
ganz wichtige, die Kriegsbereitschaft Deutschlands
wurde bereits erwähnt. Ein weiterer
wesentlicher Unterschied: Im Gegensatz zu
1977 leben kaum noch im NS Sozialisierte
- ihre totale Selbstkontrolle, die auf zu
lustvoll ausgeübte oder auf zu schmerzlich
erlebte Gewalthandlungen folgte, und ihre
abweichungshemmende, passiv und aktiv autoritäre
Staatsbejahung sind nicht mehr aufrufbar.
2007 haben die Endmoränen der antiautoritären
Revolte und die neoliberale Individualisierung
trotz aller Ideologieproduktion diese finsteren
staatsvölkischen Relikte endlich unterminiert.
Weil die staatliche Repräsentanz in
den Individuen zurück geht, muss 2007
die Hardware der Staatsgewalt noch weiter
aufgerüstet werden: Modernere Überwachung,
schärfere Gesetze, härtere Polizeiausrüstung,
Bundeswehreinsatzes im Inneren usw. Der
Terrordiskurs ist da die Software zur Hardware.
In dieser Welt, in der die sozialen Antagonismen
weiter verschärft werden, richtet sich
der Terrordiskurs gegen eine Linke, die
in globalen Konflikten (z.B. G 8) und einheimischen
Klassenkämpfen (z.B. Hartz IV) aktiv
ist oder sein würde. Die Asymmetrie
der Auseinandersetzung ist 1967 oder 1977
oder 2007 ähnlich: Die Linken kämpfen
ganz grundsätzlich gegen Ausbeutung
und Umweltzerstörung, für weltweite
Gerechtigkeit und Egalität, die Staatsorgane
gegen Ordnungsstörungen und zur Verteidigung
des Gewaltmonopols. In dieser Konstellation
wurde und wird das politische Risiko, dass
Linke kollektiv eingehen, strafrechtlich
und gewaltförmig individualisiert.
Solidarität und die solidarische Kultur,
die für Linke lebensnotwendig sind,
wurden und werden von der staatlichen Organisierung
des "universalen" Terror-Verdachts
bedroht (Brückner). Zwar sind die meisten
globalisierungskritischen Aktionen friedlich
und werden es auch bleiben - es gibt aber
die staatliche Erinnerung an die ersten
RAF-AktivistInnen, die die zivilen Protesttaktiken
der APO von 1967-69 als zu wirkungslos kritisierten
und ab 1970 den bewaffneten Kampf propagierten.
Und wie wirkungsvoll sind eigentlich die
heutigen zivilen Proteste? Wer da zweifelt
gerät ins Visier des "universalen"
Terrorverdachts.
Allerdings: keine Repression und kein Terrordiskurs
sind risikolos. Dass sie gerade Legitimation
und Aufmerksamkeit für das schaffen,
was sie unterdrücken (sollen), ist
ihr beständiges Problem. Beispielsweise
hat das CDU-CSU-FDP-Gezeter nach Christian
Klars "Grußadresse" seinen
Status als politischen Gefangenen gegen
alles "Serienmörder"-Geschrei
ungewollt belegt. Der SPIEGEL erzeugte mit
seiner Buback-Attentat-Story über den
"dritten Mann" polizeilich unerwünschte
Nebenwirkungen, zwischen den Staatsschutzbehörden
entstand Streit über angeblich oder
tatsächlich unterschlagene Erkenntnisse.
Die jeweiligen Behörden munitionieren
dann "ihre" Medien (das BKA die
SZ, die BAW den Focus und die Springer-Presse),
was zu Dynamiken führen kann, in denen
unangenehme Wahrheiten auftauchen: Fehlurteile,
illegale Abhörmaßnahmen von Verteidigern,
die geheime Müller-Akte, Spitzel usw.
Im Herbst 2007 wird auch nicht mal mehr
die Schleyer-Darstellung von 1977 als Boss
der Bosse und Sozialpartner so funktionieren,
denn zuviel wurde seitdem über seine
SS-Geschichte bekannt.
Über gewisse Fallstricke des Terrordiskurses
stolperte auch die Staatsagentur BAW mit
ihren wortwörtlichen Schnüffeleien
im Vorfeld des G8. Die Massenmedien sind
auch bei der zur Terror-Inszenierung gehörenden
Inszenierung antiterroristischer Maßnahmen
unverzichtbar. Dummerweise hatten die aber
die Latte der Terrordefinition vor dem Hintergrund
des Buback-Attentats gerade auf RAF-77-Höhe
gelegt. (Sollte übrigens im Terrordiskurs
die Latte auf "Al-Quaida-Höhe"
gelegt werden, ließen sich solche
Angriffe auf die Linke noch weniger als
Terrorabwehr legitimieren. Insofern verschiebt
der "War on Terror" die Plausibilitäten
des Terrordiskurses, ob es der BAW gefällt
oder nicht.) Niemand, der noch seine Sinne
beieinander hat, vergleicht "Farbanschläge"
mit tödlichen Salven aus einer automatischen
Waffe. Abgebrannte Autos oder Sachschäden
an Firmen sind keine erschossenen Bundesanwälte,
Bankiers oder Politiker - und anonyme Herausgeber
eines autonomen Geschichtsbuchs sind nicht
die RAF. Der Terrordiskurs funktioniert
nicht gegen jede Rationalität und Realität,
und wenn außer der durchgeknallten
BILD niemand "Berlin in Terrorangst"
sieht wirkt Antiterrorismus ganz hüllenlos
wie das, was er ist: ein Angriff auf linke
Strukturen. Der Hinweis der BAW, ihre Maßnahmen
seien doch gesetzlich korrekt, brachte ihr
nichts, denn ein Problem ist eben nicht
politisch erledigt, nur weil es rechtlich
entschieden ist. Das zeigten die spontanen
Demonstrationen nach den Durchsuchungen
und die öffentliche Kritik.
Der Terrordiskurs setzt auf Entpolitisierung,
Einschüchterung und Zerstörung
der kollektiven Zusammenhänge. Wenn
die Linke wie immer auf Emanzipation, Mobilisierung
und Solidarität setzt, wird sie ihm
nicht auf den Leim gehen.
PS.
Nach Rostock/Heiligendamm
Eine vernagelte Innenstadt voller "Sicherheitskräfte",
Hunderte Wannen auf der Autobahn, Bundeswehrpanzer
am Rand, Aufklärungs-Tornados über
einem Camp, Guantanamo-light-Käfige,
propagandistisch lügende Polizeisprecher
- das führte vor, wie Ausnahmezustand
aussieht. Der Staat hat sein Gewaltmonopol
demonstriert, massenhaft auf nicht legale
Methoden zurückgegriffen und vor der
Küste Tote in Kauf genommen. Demgegenüber
ist das Scharmützel nach der Samstagsdemo
eigentlich unwesentlich. Aber mittels massenmedialer
Bedeutungszuweisungen wie beim Terrordiskurs
musste es zur Legitimierung der "Sicherheitsmaßnahmen"
herhalten. "Die Autonomen" und
gute "Globalisierungskritiker"
wie attac sollten gespalten werden. Diese
Inszenierung brach am Blockade-Mittwoch
mit den Lügen über 400 (schwer)verletzte
Polizisten und angebliche Millionenschäden
zusammen. "Die Autonomen" und
"friedliche Globalisierungsgegner"
agierten gemeinsam in den Blockaden. Das
ist zweifellos ein großer Erfolg,
dass sich die AktivistInnen durch die Distanzierungen
einiger Sprecher nicht spalten ließen
und diese Massen gut organisiert zum Zaun
durchkamen und Merkel seltener im Bild war
als Blockaden, Kühe und Wasserwerfer.
Aber genau deshalb wird der Versuch, "gewaltbereite
Chaoten" in einem variierten Terror-
und Gewaltdiskurs als Metapher für
eine revolutionäre Linke benutzen,
um diese zu bedrohen, zu spalten und ihre
reale Politik hinter massenmedialen Bedeutungszuweisungen
und Inszenierungen verschwinden zu lassen,
nun erneuert werden.
Rostock/Heiligendamm war wahrlich nicht
der Deutsche Herbst, aber die Drohung mit
dem Ausnahmezustand wurde bei diesem G 8
aktualisiert. Hinter dem Zaun lauerte die
Rebarbarisierung.
Klaus
Viehmann