Vor
30 Jahren - Deutscher Herbst
Die Nacht von Stammheim: Mord oder Selbstmord?
(13.10.2007 | Quelle: Tageszeitung Neues
Deutschland | www.neues-deutschland.de)
Von Kai Ehlers
Am
Morgen des 18. Oktober 1977 wurde die Welt
durch die Nachricht überrascht, in
der Justizvollzugsanstalt Stuttgart-Stammheim
seien die RAF Gefangenen Jan Carl Raspe
angeschossen und sterbend, Andreas Baader
erschossen, Gudrun Ensslin erhängt
und Irmgard Möller durch Messerstiche
schwer verletzt in ihren Zellen aufgefunden
worden.
Die
offizielle Erklärung lautete schon
um 9 Uhr früh, noch bevor die gerichtsmedizinischen
Untersuchungen überhaupt eingeleitet
waren: Selbstmord. Ähnlich vier Wochen
später beim Tod Ingrid Schuberts. Während
die deutsche Presse weitgehend die offizielle
Version übernahm, schrieb die internationale
Presse: "Mord!" In Deutschland
blieb es eine Minderheit linker und autonomer
Blätter, die Zweifel gegenüber
der Selbstmord-These anmeldeten wie auch
die Anwälte der Toten, an ihrer Spitze
Otto Schily. Der "Arbeiterkampf"
des Kommunistischen Bundes listete minutiös
die "Wunder von Stammheim" auf,
all die Widersprüche, Ungereimtheiten
und blanken Erfindungen, die im Laufe der
nächsten Tage, Wochen und Monate von
BKA, Staatsanwaltschaft, Regierung und einer
ihnen sklavisch folgenden Presse produziert
wurden.
Spuren
nicht gefunden und nicht gesucht
Die
Wunder beginnen mit der Behandlung Irmgard
Möllers, der einzigen Überlebenden
der nächtlichen Geschehnisse. Sie erklärte
am 16. Januar 1978 vor dem Untersuchungsausschuss
des baden-württembergischen Landtages,
sie sei nachts von zwei Knallgeräuschen
und einem Quietschen erwacht, dann aber
mit einem eigenartigen "Rauschen im
Kopf" wieder eingeschlafen und erst
wieder zu sich gekommen, als man ihr die
Augenlieder aufgezogen habe. Auf keinen
Fall habe sie Hand an sich selbst gelegt.
Über Selbstmord hätten die Gefangenen
nach dem angeblichen Freitod Ulrike Meinhofs
im Sommer 1976 zwar diskutiert; dabei hätten
sie aber festgehalten, dass es sich um eine
CIA-Methode handele, Morde als Selbstmorde
darzustellen. Wörtlich sagte Irmgard
Möller: "Keiner hatte die Absicht
des Selbstmordes. Das widerspricht unserer
Politik!"
Ihre
Aussage wurde jedoch beiseitegeschoben,
sie galt ohnehin als parteiisch und wurde
obendrein als Lügnerin abgestempelt.
In den Untersuchungen der Sonderkommission
ging es offensichtlich nicht um Aufklärung
der Vorfälle, sondern um deren Einordnung
in die offizielle Selbstmord-These. Dem
"Knallen" und dem "Quietschen"
sowie dem "Rauschen" in Irmgard
Möllers Kopf wurde nicht nachgegangen.
Stattdessen hieß es, es sei mit Sicherheit
auszuschließen, dass ihr oder den
anderen Gefangenen Gifte oder Betäubungsmittel
verabreicht worden sein könnten. Vor
demselben Untersuchungsausschuss erklärte
einer der internationalen ärztlichen
Gutachter jedoch später, man habe zwar
keine derartigen Spuren gefunden, aber auch
nicht danach gesucht. Es gebe heute "so
und so viele Gifte, dass man, wenn man nicht
gerichtet auf ein bestimmtes Gift sucht,
unter Umständen eines übersieht,
vor allem die komplizierteren organischen
Gifte. Nehmen Sie Digitalis oder nehmen
Sie Insulin - wenn man darauf nicht gerichtet
untersucht wird, wird man es nicht finden."
(AK 123)
Nun
soll damit, 30 Jahre danach, nicht die Behauptung
aufgestellt werden, die Gefangenen seien
betäubt und dann getötet worden.
Diese wäre nicht zu beweisen. Die Behandlung
der Aussagen von Irmgard Möller zeigt
aber, wie mit Spuren umgegangen wurde, die
geeignet hätten sein können, die
offizielle Selbstmord-These in Frage zu
stellen. Zweifel waren angebracht, ihnen
hätte im Sinne der von der Bundesregierung
versprochenen rückhaltlosen Aufklärung
nachgegangen werden müssen.
Höchste
Verwunderung musste ja die Tatsache hervorrufen,
dass Raspe und Baader sich mit eigenen Pistolen
erschossen haben sollten. Wie waren die
Pistolen in die Zellen gekommen? Sie seien
durch Besucher der JVA eingeschmuggelt worden,
hieß es anfangs. Wie das, wenn Besucher
sich bis auf die Haut filzen und mit Metalldetektoren
abspüren lassen mussten, wenn während
der Kontaktsperre niemand ohne Wissen des
BKA den RAF-Trakt betreten konnte?
Die
Waffen seien in Baaders Plattenspieler gefunden
worden, hieß es dann. Wie das, wenn
den Gefangenen doch alle Geräte abgenommen
worden waren? Raspe soll seine Waffe hinter
der Fußleiste versteckt haben. Eine
dritte Waffe soll bei den ersten Aufräumungsarbeiten
in den angrenzenden Zellen später sogar
im Wandputz gefunden worden sein. Wie hätten
die Gefangenen diese Waffen bei den täglichen
Kontrollen, den vielfachen Verlegungen,
die gleichbedeutend mit einer Totalrevision
ihrer gesamten Habe waren, mit sich nehmen
sollen? Wie konnte Baader sich schließlich
mit einer 18 Zentimeter langen Waffe am
Hinterkopf einen schräg nach oben verlaufenden
Schuss selbst ansetzen und dabei zwar Blut
an der einen Hand, aber keine Fingerabdrücke
an der Waffe hinterlassen? Ähnlich
bei Raspe: Wieso lag die Waffe nach einem
aufgesetzten Schuss in die Schläfe
in seiner rechten Hand und nicht - der Hand
durch den Rückstoß entglitten
- neben ihm? Wieso fanden sich auch auf
seiner Pistole keine Fingerabdrücke?
Haben Baader und Raspe die Pistolen nach
Gebrauch noch gesäubert? Alles Fragen,
denen nicht nachgegangen wurde. Nicht nachgegangen
wurde auch der Frage, in welcher Reihenfolge
die drei Projektile abgeschossen wurden,
die in Baaders Zelle gefunden worden waren.
Traf der erste Schuss seinen Kopf und wurde
erst danach auf Bett und Decke geschossen,
dann wäre das ein Hinweis darauf, dass
jemand anderes als Baader die Waffe geführt
haben müsste. Ballistische Untersuchungen
wurden nicht vorgenommen. Unbeantwortet
blieb auch die Frage, woher der Sand an
Baaders Schuhen stammte. Die vom Wiener
Gerichtsmediziner Prof. Holczabek geforderte
mineralogische Untersuchung wurde nicht
durchgeführt.
Wenden
wir uns schließlich Gudrun Ensslin
zu: Wieso wurde sie nicht sofort aus der
Schlinge geschnitten, als man sie fand?
Möglicherweise lebte sie noch. Stattdessen
warteten Anstaltspersonal und Ärzte
mehrere Stunden, bevor sie die Erhängte
aus der Schlinge nahmen. Da konnte der Todeszeitpunkt
schon nicht mehr genau festgestellt werden.
Ähnliche Ungenauigkeiten, wenn man
es so nennen und nicht von bewusster Vertuschung
reden will, sind bei der Bestimmung des
Todeszeitpunktes von Baader und Raspe zu
bemerken. Wieso riss die Schlinge sofort,
als man die Erhängte abnahm, wieso
nicht vorher? Wieso wurde der übliche
Histamintest nicht vorgenommen, der zur
Routine gehört, wenn es darum geht,
Selbsttötungen durch Erhängen
nachzuweisen? Wieso wurden die Verletzungen
an Gudruns Körper nur festgestellt,
ihre Ursache aber nicht untersucht? Wo blieben
die Briefe, die aus ihrer Zelle entfernt
wurden? Was ist ihr Inhalt?
Fragen
über Fragen, die nicht, falsch oder
zumindest irreführend beantwortet wurden.
Spuren möglicher Fremdeinwirkung wurde,
man ist versucht zu sagen, systematisch
nicht nachgegangen. Stattdessen setzte der
Justizminister von Baden-Württemberg,
Traugott Bender, zuerst den Leiter der JVA
und den Sicherheitsbeauftragten ab, dann
trat er selbst zurück. Sein Nachfolger
Guntram Palm ordnete an, "dass alle
nicht tragenden Wände der Terroristenzellen
in der Stammheimer Haftanstalt abgerissen
werden. Ferner erhielt das Baukommando den
Auftrag, alle Fußböden aufzureißen
und den Putz von den tragenden Wänden
zu stemmen."
Dies
geschah laut Datum der Pressemeldung bereits
im November, nur drei Wochen nach der Todesnacht
von Stammheim, lange bevor der parlamentarische
Untersuchungsausschuss mit seiner Arbeit
begonnen hatte. Und dies bedeutete, so kommentierte
der "Arbeiterkampf" damals, "die
endgültige Pulverisierung der Umgebung,
in der sich das Wunder von Stammheim ereignet
hat. Hier wird man niemals mehr beweisen
können, was wirklich in den Wänden
usw. war - und wer es dort hineingesteckt
hat." Dem ist nach 30 Jahren nichts
hinzuzufügen.
Statt
Tatsachen nachzuspüren, wurde versucht,
die Selbstmordthese mit psychologischen
Spekulationen zu untermauern. Die Gefangenen
hätten mit ihrem "kollektiven
Selbstmord" ein Fanal setzen wollen,
hieß es, dann aber auch, sie hätten
sich aus Verzweiflung und Frust über
die gescheiterte Befeiungsaktion umgebracht.
Dass "Frust" und "Fanal"
als Motivation einander ausschließen,
störte die Urheber dieser Spekulationen
nicht, ebenso wenig wie die Tatsache, dass
eine Verabredung zur kollektiven Selbsttötung
einer spontanen Verzweiflungstat widerspricht
- zumal der entführte Arbeitgeberpräsident
Hanns Martin Schleyer zu dem Zeitpunkt noch
lebte, also gar nicht sicher war, ob die
Aktion nicht noch eine andere Wendung nehmen
könnte.
Zusätzlich
zu solchen Spekulationen wurden nach der
Pulverisierung der Zellen weitere Wege gefunden,
wie die Waffen in die Zellen gekommen sein
sollten. Nach der Ermordung Generalstaatsanwalt
Bubacks am 7. April 1977, die gemeinhin
als Auftakt des Deutschen Herbstes gilt,
übernahm am 1. Juli sein Nachfolger
Kurt Rebmann die Leitung des Stammheimer
Verfahrens. Er fand einen Kronzeugen, Volker
Speitel, der bereit war, gegen die RAF auszusagen.
Von Speitel stammt die Idee, die Waffen
seien, versteckt in Hohlräumen von
Prozessakten, während des Prozesses
den Gefangenen von ihren Anwälten übergeben
worden. Speziell die Anwälte Arndt
Müller und Achim Newerla wurden verdächtigt.
Mit
dieser Geschichte zog Generalstaatsanwalt
Rebmann am 12. Januar vor den Untersuchungsausschuss
und in die Öffentlichkeit. Vier Tage
später platzte die Geschichte, als
die im Prozess eingesetzten Polizeibeamten
vor dem Ausschuss aussagten, während
des Prozesses sei jede Akte sondiert, per
Hand von ihnen durchgeblättert worden
und im Übrigen seien gerade Newerla
und Müller "eigentlich nie"
im Verhandlungssaal, sondern immer nur unter
den Zuschauern gewesen, hätten also
gar keinen direkten Kontakt zu den Angeklagten
gehabt. Zur selben Zeit platze noch eine
Bombe: Der Techniker des Sicherheitskommandos
sagte vor dem Ausschuss aus, dass die Sicherheitsanlage
des angeblich sichersten Gefängnisses
der Welt keineswegs sicher gewesen war,
sondern bei langsamen Bewegungen an den
Wänden der Gängen entlang unterlaufen
werden konnte. Das hieß: Ein unbeobachteter
Zugang zu den Zellen über die Nottreppe
war in der Todesnacht möglich. Ungeachtet
solcher Widersprüche wurde das staatsanwaltliche
Ermittlungsverfahren im April mit der Begründung
eingestellt, dass "die Gefangenen Baader,
Ensslin und Raspe sich selbst getötet
haben, die Gefangene Möller sich selbst
verletzt hat und eine strafrechtlich relevante
Beteiligung Dritter nicht vorliegt".
"Ein
für allemal abgeschlossen. Basta"
Bleibt
nur noch dies zu erwähnen: Nach dem
Abschluss der Ermittlungen ging es gegen
die Kritiker. Am 21. Juli 1978 wurde u.
a. gegen mich als damaligen presserechtlich
Verantwortlichen des Kommunistischen Bundes
Anklage wegen Staatsverleumdung in mehreren
Fällen erhoben. Als Ergebnis einer
sich entwickelnden Solidaritätskampagne
schlug ein französisches "Koordinationskomitees
gegen die Repression" die Bildung einer
"Internationalen Untersuchungskommission
über die Stammheimer Selbstmorde"
vor. Angesichts des sich andeutenden öffentlichen,
vor allem internationalen Interesses für
den bevorstehenden Prozess schien es der
Staatsanwaltschaft offensichtlich ratsamer,
das Verfahren vor Eröffnung des Prozesses
aus formalen Gründen einzustellen.
Seither
wird jegliche gerichtliche Neubefassung
mit den nach wie vor offenen Fragen abgeschmettert:
Als der "stern" 2002 Beweise dafür
vorlegte, dass die Geschichten des Kronzeugen
Speitel konstruiert seien, sogar den begründeten
Verdacht aussprach, Speitel könne im
Dienste des Verfassungsschutzes gestanden
haben, und somit die Frage, wie die Waffen
in die Zellen gekommen seien, einer neuen
Überprüfung unterzogen werden
müsse, bekam das Blatt vom Leiter der
kriminalpolizeilichen "Sonderkommission
Stammheim" eine doppelte Antwort. Erstens:
Man habe seinerzeit "keine über
den Selbstmord hinausgehenden Ermittlungsaufträge
bekommen". Und zweitens: "Die
Staatsanwaltschaft - die objektivste Behörde
der Welt - hat das Verfahren eingestellt.
Damit ist der Fall ein für allemal
abgeschlossen, und damit basta."
Dem
kann man nur, ebenso kategorisch, entgegenstellen,
dass die Fragen, was in der Nacht vom 17.
auf den 18. Oktober 1977 geschah, bis heute
noch nicht geklärt sind. Und solange
das so ist, sind Zweifel an der These des
Selbstmordes berechtigt und notwendig.
Unser
Autor Kai Ehlers ist freier Publizist und
lebt in Hamburg. Er veröffentlichte
zahlreiche Bücher zur 68er Problematik
und über das postsowjetische Russland;
darüber hinaus schreibt er Features
für Fernsehanstalten. Ehlers war 1977
verantwortlicher Redakteur des AK.
Dieser Artikel gehört zu folgenden
Dossiers:Deutscher Herbst - Akteure, Wechselwirkungen
und Meinungen zu den Ereignissen vor 30
Jahren.
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