Alle
Fakten auf den Tisch
(18.10.2007 | Quelle: Tageszeitung Junge
Welt | www.jungewelt.de)
Von
Rüdiger Göbel
Am Morgen des 18. Oktober 1977 sind Gudrun
Ensslin, Andreas Baader und Jan-Carl Raspe
tot in ihren Zellen im Gefängnis Stuttgart-Stammheim
gefunden worden. Sofort hieß es, die
inhaftierten RAF-Mitglieder hätten
Selbstmord begangen. Allen Zweifeln und
anderslautenden Indizien zum Trotz. Gleichzeitig
werden tausende Seiten Ermittlungsakten
und unzählige Abhörbänder
bis heute unter Verschluß gehalten.
Gottfried Ensslin, Bruder der einstigen
RAF-Mitbegründerin, fordert nun die
rückhaltlose Aufklärung der Ereignisse
in jener Todesnacht vor 30 Jahren. Es mache
ihn "wütend", daß angesichts
der "ungeklärten Umstände
und Widersprüchlichkeiten die Version
vom gemeinsamen Selbstmord immer wieder
festgeschrieben wird", sagte er gegenüber
junge Welt. Nicht nur, daß Irmgard
Möller, die diese Nacht als einzige
schwerverletzt überlebt hat, bezeugt,
überfallen worden zu sein. "Was
haben die Behörden bis heute zu verbergen,
daß sie die Bänder nicht herausgeben,
auf denen die akustische Überwachung
der Zellen dokumentiert ist?" fragt
Ensslin. Und weiter: "Wie konnte es
in einem Gefängnis, das sich brüstete,
eines der sichersten der Welt zu sein, ausgerechnet
in den dramatischen Stunden nach der Geiselbefreiung
von Mogadischu zu diesen angeblichen Selbstmorden
kommen?" Es müßten endlich
alle Fakten auf den Tisch. Ob Mord oder
Selbstmord, das sei schließlich keine
Glaubensfrage.
Auch
der frühere RAF-Aktivist Helmut Pohl
widerspricht der offiziellen Version vom
kollektiven Selbstmord in Stammheim. Es
habe keine Verabredung zum gemeinsamen Suizid
gegeben. "Ich habe nie etwas von derartigen
Diskussionen gehört, geschweige denn,
daß ich an solchen teilgenommen hätte",
sagte Pohl in einem ausführlichen Gespräch
über den "Deutschen Herbst",
das junge Welt am Mittwoch in einer achtseitigen
Sonderbeilage veröffentlicht hatte.
Er könne sich auch nicht vorstellen,
daß es diese Überlegungen gegeben
hat. "Für jeden von uns, der in
den Knast kam, war klar, daß der Kampf
mit der Gefangennahme nicht aufhört,
sondern daß sich lediglich das Terrain
änderte, auf dem man - wenn auch sehr
eingeschränkt - handeln konnte."
Pohl selbst war im Sommer 1977 zusammen
mit Ensslin, Baader, Raspe und Möller
im siebten Stock in Stammheim inhaftiert,
wurde vor dem "Deutschen Herbst"
allerdings in eine andere Haftanstalt verlegt.
Ex-RAF-Mitglied
Rolf Clemens Wagner sagte im jW-Gespräch,
vor 30 Jahren seien nicht nur die Aktivisten
der Roten Armee Fraktion von einem staatlichen
Mord ausgegangen. "Direkt nach der
Nacht von Stammheim haben wir niemanden
getroffen - und das waren keinesfalls nur
Linke, zu denen wir Kontakt hatten - die
an Selbstmord geglaubt haben." Vielmehr
sei es "völlig logisch" erschienen,
"daß am Ende genau die Leute
tot waren, um deren Befreiung es gegangen
war". Dem Staat sei es um "Rache"
gegangen, "um die Eliminierung der
Kader".
Bundesweit
Aufsehen erregt hatten am Mittwoch einzig
die Äußerungen Wagners über
die Entführung und Ermordung des Arbeitgeberpräsidenten
Hanns Martin Schleyer 1977. Der stellvertretende
FDP-Vorsitzende Rainer Brüderle sprach
in der Bild von einem "Faustschlag
ins Gesicht der Opferfamilien". Der
hessische Ministerpräsident und CDU-Vize
Roland Koch nannte es ungeheuerlich, daß
Wagner seinen "schrecklichen Irrweg"
noch immer verteidige. Der bayerische Ministerpräsident
Günther Beckstein (CSU) betonte: "Wagner
ist der Gnade, die ihm der damalige Bundespräsident
Johannes Rau 2003 erwiesen hat, unwürdig."
Womit
hatte Wagner alle aufgeregt? Er sagte am
Mittwoch in der jW-Beilage "deutscher
herbst: "Manche Ergebnisse unserer
Überlegungen bleiben auch aus heutiger
Sicht richtig. Wie die Entscheidung, Hanns
Martin Schleyer zu entführen. Der wurde
mit seiner SS-Geschichte als Wehrwirtschaftsführer
in besetzten Gebieten und seiner aktuellen
Funktion als Aussperrer und Präsident
des Unternehmerverbands ja nicht zufällig
ausgesucht." Es sei lediglich ein Fehler
gewesen, daß aus dem "Politikum"
Schleyer "einfach zu wenig gemacht"
worden ist. "Gerade an ihm hätten
wir unsere Analyse und Politik vermitteln
können. Also die historische Kontinuität,
für die er stand." Damit hätten
sie als RAF politisch arbeiten müssen.
Immerhin, was vor 30 Jahren versäumt
wurde, scheint jetzt gelungen. Wer auch
immer Wagner zitierte, er mußte die
Nazivergangenheit Schleyers mit thematisieren.