"Wir
wollten den revolutionären Prozeß
weitertreiben" - Interview mit Helmut
Pohl und Rolf Clemens Wagner
(18.10.2007 | Quelle: Tageszeitung Junge
Welt | www.jungewelt.de)
Der "Deutsche Herbst", wie ihn
Aktivisten der Rote Armee Fraktion (RAF)
erlebten, und wie sie ihn heute sehen. Ein
Gespräch mit Helmut Pohl und Rolf Clemens
Wagner
Aufgrund des großen öffentlichen
Interesses veröffentlichen wir an dieser
Stelle erneut das Gespräch mit den
früheren RAF-Aktivisten Helmut Pohl
und Rolf Clemens Wagner über Anfang
und Ende der Roten Armee Fraktion (Sonderbeilage
Junge Welt "deutscher herbst"
)
* Helmut Pohl, geboren 1943, Journalist,
ab 1970 Mitglied der RAF, erste Verhaftung
1971, zwei Jahre Gefängnis wegen Waffenbesitz,
zweite Verhaftung 1974, fünf Jahre
Haft wegen Mitgliedschaft in der RAF, darunter
im Sommer 1977 (6.7.-12.8.) im Hochsicherheitstrakt
Stammheim. Nach der Freilassung 1979 wieder
in der RAF, 1984 erneute Verhaftung und
Verurteilung zu lebenslanger Haft u.a. wegen
des Bombenanschlags auf das Hauptquartier
der US-Luftwaffe Europa in Ramstein 1981.
Mehrere Hungerstreiks im Gefängnis.
1998 begnadigt. Heute erwerbslos
* Rolf Clemens Wagner, geboren 1944, Barkeeper
und Reiseleiter, ab Mitte der 70er Jahre
Mitglied der RAF, 1978 zusammen mit Brigitte
Mohnhaupt, Sieglinde Hofmann und Peter-Jürgen
Boock in Jugoslawien verhaftet, aber nicht
an die BRD ausgeliefert. 1979 in der Schweiz
verhaftet und 1982 an die BRD ausgeliefert.
1985 zu zweimal lebenslänglicher Haftstrafe
verurteilt unter anderem wegen Entführung
und Ermordung von Hanns Martin Schleyer
1977. Erneuter Prozeß nach "Kronzeugen"-Aussagen
von DDR-Exilanten, zusätzliche Haftstrafe
von zwölf Jahren wegen Anschlag auf
den NATO-Oberbefehlshaber Alexander Haig
1979. Im Dezember 2003 begnadigt. Heute
erwerbslos
Mit dem Herbst 2007 geht auch das medial
recht intensiv abgefeierte Jubiläumsjahr
des "Deutschen Herbstes" zur Neige.
Die Ereignisse von 1977 endeten bitter,
und deren Abbildung in TV, Hörfunk
und Printmedien drei Jahrzehnte danach gestaltete
sich als eine Art hysterische Abrechnung
mit der Roten Armee Fraktion (RAF): "Die
Nacht von Stammheim" (Spiegel) als
Serie, "Die Jahre des Terrors"
(Die Zeit) als Sonderheft, "Der Krieg
der Bürgerkinder" als "Dokumentation"
in der ARD zur Hauptsendezeit. Wie erlebten
Sie den Umgang mit der RAF-Geschichte, die
ja auch ein wesentlicher, wenn nicht der
wesentliche Teil Ihrer eigenen Biografien
ist?
Helmut
Pohl: Angenehm ist es nicht, zum Teil macht
es auch wütend, in so einer Kampagne
Diffamierungen, Zerrbilder, Entwertungen
um die Ohren gehauen zu kriegen. Und sie
hatte ja auch konkrete Konsequenzen für
Christian.1 Andererseits
scheint mir, daß der Hauptteil der
Kampagne, der ARD-Zweiteiler von Aust, weitgehend
verpufft ist. Es ist schon ein Überdruß
spürbar, die Leute wollen es nicht
mehr hören.
Sie sprechen den Wirbel um Christian Klar
im ersten Vierteljahr 2007 an. Für
den Gefangenen standen nach 24 Jahren hinter
Gittern Haft-erleichterung mit der Perspektive
Begnadigung und Freilassung an. Nach seinem
zwar engagierten, aber doch eher analytischen
und keinesfalls gewaltpropagierenden Beitrag
auf der Rosa-Luxemburg-Konferenz der jungen
Welt im Januar wurde von Politik und Bürgermedien
eine massive Anti-RAF- und Anti-Klar-Lawine
losgetreten. Deutlich wurde: Für Klar
gilt nicht das Recht des Gefangenen, sich
zu äußern. Vielmehr wird er zu
einem Sonderfall der deutschen Justiz gemacht.
Rolf
Clemens Wagner: Tatsächlich erlebten
wir in diesem Jahr zwei Teile des Umgangs
mit der RAF. Der eine betrifft Christian.
Plötzlich rückte die Frage der
Reue für Opfer der RAF ins Zentrum.
Eine Diskussion um Beiträge zur sogenannten
Tataufklärung begann. Warum ausgerechnet
jetzt? Ich bin auch begnadigt worden vor
ein paar Jahren, und mich hat das niemand
gefragt. Ich mußte keine Reue zeigen,
es war nicht die Rede davon, daß ich
Beiträge leisten mußte zur sogenannten
Tataufklärung.
Ja,
und warum ausgerechnet jetzt bei Christian
Klar?
Rolf
Clemens Wagner: Für mich hängt
das zusammen mit der allgemeinen politischen
Entwicklung. Je deutlicher wird, daß
die derzeitigen Kriege vor allem in Afghanistan
und Irak ins Chaos führen und mit welcher
Grausamkeit sie seitens der Besatzungsmächte
geführt werden, desto stärker
muß die herrschende Klasse ihre Delegitimierung
fürchten. Also präsentiert sie
sich als moralische Instanz und argumentiert
mit "Menschenrechten", die sie
gegen den "Terrorismus" verteidigt.
An Christian Klar statuiert sie ein Exempel.
Mit Teil zwei der Kampagne, also dem aktuellen
RAF-Medienhype, wurden dann die innenpolitischen
Begleitmaßnahmen zur Kriegführung
nach außen befördert. Mit den
Instrumenten, die Schäuble und Jung
sich nun schaffen, soll eine präventive
Aufstandsbekämpfung erleichtert werden
- Stichworte Onlinedurchsuchung, der Abschuß
von Flugzeugen, Militarisierung durch Einsatz
der Bundeswehr im Inneren. Sie verschaffen
sich schon heute die Mittel zur Bekämpfung
dessen, was sie selber erwarten. Von daher
war die ganze Kampagne auch ein politisches
Muß für die herrschende Klasse.
Helmut
Pohl: Bei mir war es ähnlich wie bei
Rolf. Ich wurde 1999 begnadigt, Rolf 2003,
dazwischen kam noch Heidi2
frei. Der Vorgang durchlief die Institutionen,
wurde irgendwann nach längerer Zeit
entschieden, dann war ich draußen.
Niemand wollte von mir Aussagen oder Reuebekenntnisse.
Das lief bei Christian völlig anders
- derzeit werden offensichtlich starke Anstrengungen
unternommen, eine bewußtseinsmäßige
Aufrüstung in der Bevölkerung
zu erreichen.
Nach
dem Motto die bösen Baader-Meinhof-Terroristen
damals, die bösen Al-Qaida-Terroristen
heute?
Helmut
Pohl: Sicher gehört dazu auch, Anschläge
von heute mit unseren Aktionen von damals
gleichzusetzen. Das ist falsch. Bei der
RAF mußte niemand befürchten,
daß - wie in London oder Madrid geschehen
- auf irgendeinem Parkplatz oder in irgendeiner
U-Bahn eine Bombe hochgeht. Wir haben gezielte
Aktionen gemacht und nicht irgendwelche
unbeteiligten Zivilisten angegriffen. Wir
haben uns an dem grundsätzlichen Schema
vom begrenzten Krieg orientiert. Der militärische
Einsatz sollte dazu dienen, eine politische
Wirkung zu entfalten.
Wenn Sie einverstanden sind, kommen wir
darauf, auf Sinn und Unsinn der RAF-Angriffe
später zurück. Vielleicht sollten
wir an dieser Stelle doch noch auf die Wirkung
der Deutsche-Herbst-Kampagne eingehen. Warum
schalten Sie sich zwar spät, aber doch
noch in die Debatte ein?
Helmut
Pohl: Mir liegt daran, das in den vergangenen
Monaten präsentierte Bild von der RAF
und von meinen toten Genossinnen und Genossen
geradezurücken. Es gibt einzelne Sachen,
die mir schon am Herzen liegen. So regt
mich immer wieder auf, um das gleich herauszugreifen,
wie die angebliche Geschichte von Ulrike3
verbraten wird. Schon von Anfang an, seit
1970/71, wird behauptet, Ulrike hätte
aussteigen wollen aus dem bewaffneten Kampf.
Das ist völliger Unsinn. Es ist psychologische
Kriegsführung und Propaganda und man
muß das in Zusammenhang mit den späteren
Angriffen bringen: Isolationsfolter im toten
Trakt, der Versuch einer Zwangsuntersuchung
ihres Gehirns.4 Es
war in allem der Versuch, die Revolutionärin
Ulrike zu demontieren. Und Aust wärmt
die uralte, längst widerlegte Legende
von der Ausgrenzung Ulrikes, einer bewußten
Abkanzelung durch Gudrun5
in Stammheim wieder einmal auf und konstruiert
daraus eine tiefe Verzweiflung Ulrikes,
die letztlich zu ihrem unterstellten Selbstmord
geführt habe.
Einmal ganz abgesehen davon, daß viele
Fragen des Untersuchungsberichts zu ihrem
Tod unbeantwortet blieben, war auch die
Auseinandersetzung um den Angriff auf das
Springer-Hochhaus von 19726
längst abgeschlossen. Das Thema stellte
sich zwar dann im Zusammenhang mit dem Prozeß
erneut, aber nicht mehr als Kontroverse.
Vielmehr wollte Ulrike vor Gericht etwas
zu der Springer-Aktion sagen und diese erklären,
während die anderen meinten, nein,
wir konzentrieren uns auf die Angriffe gegen
das US-Militär. Die Aktion gegen Springer
in Hamburg war falsch, obwohl wir natürlich
auch in der Tradition des Kampfes gegen
den Springer-Konzern stehen. Aber es wurde
das Leben von Arbeiter und Angestellten
gefährdet - und das war nie Sache der
RAF. Wir haben das kritisiert und Schlußfolgerungen
für später gezogen.
Sie kamen im Sommer 1977 in den siebenten
Stock des Hochsicherheitstrakts Stammheim.
Da war Ulrike Meinhof bereits über
ein Jahr lang tot.
Helmut
Pohl: Trotzdem drehten sich die ersten Gespräche
sofort um Ulrike. Für Andreas, Gudrun
und Jan5 war ganz ausgeschlossen, daß
Ulrike sich umgebracht hat. Völlig
klar war kurz vor ihrem Tod: Ulrike ging
es gut. Sie hat viel gearbeitet, hatte Pläne
für die Zukunft, also ... - ich weiß
jetzt nicht, was ich dazu noch sagen soll.
Wie haben Sie Ulrike Meinhof kennengelernt?
Helmut
Pohl: Bei journalistischen Arbeiten für
den Hessischen Rundfunk in Frankfurt. Das
war etwa zwei, drei Jahre, bevor es mit
der RAF begann, also etwa 1967/68. Sie besuchte
mich öfter, wenn sie in der Ecke etwas
zu tun hatte. Später dann, als die
Geschichte der RAF 1970 mit der Befreiung
von Andreas in Westberlin anfing, wurde
schnell klar, daß sie dort nicht bleiben
konnten. Westberlin war absolut kein Terrain
für eine Stadtguerilla, wie wir sie
wollten. Sie kamen also nach Westdeutschland,
und ich gehörte dann zu den ersten,
die von Ulrike angesprochen wurden. Sie
fragte mich, wie ich zum bewaffneten Kampf
stehe. Na ja, ich bin gleich mitgegangen
und habe mit ihr in der ersten Zeit zu Beginn
der Siebziger eng zusammengearbeitet.
Ulrike Meinhof wurde in bürgerlich-aufgeklärten
Verhältnissen groß- und es mag
auf sie und vielleicht auch auf die Pfarrerstochter
Gudrun Ensslin zurückzuführen
sein, daß der RAF auch jetzt wieder
das Image von Durchgeknallten verpaßt
wird. Spiegel-Chef Stefan Aust überschrieb
seinen TV-Film "Krieg der Bürgerkinder"
und unterstellte in einem Interview der
FAZ (22.8.) gar so etwas wie das Vorhandensein
einer Art "Terror-Gen": "Den
Extremismus muß man schon in der Persönlichkeitsstruktur
haben, um auf diesem Weg der RAF voranzugehen."
Sind Sie "Bürgerkinder"?
Rolf
Clemens Wagner: Bürgerkinder - wenn
ich das schon höre ... Es ist doch
völlig egal, wo jemand herkommt. Das
ist nicht der Punkt. Es handelt sich vielmehr
um einen Kampfbegriff, der tatsächlich
auch zur Delegitimierung unserer Geschichte
benutzt wird - bis heute und schon immer.
Dazu gehört auch der Unsinn, unser
Weg sei in den Individualstrukturen angelegt.
Also eine Psychologisierung unserer Geschichte,
Sozialpsychologisierung, wie sie leider
auch von einigen ehemaligen RAF-Leuten betrieben
wird. Es handelt sich bei diesen Konstrukten
um Mittel der psychologischen Kriegführung,
die von den tatsächlichen politischen
Analysen der RAF, der politischen Bestimmung
der Aktionen und des ganzen Konzepts völlig
ablenken. Ich bin ja nicht zur RAF gekommen,
weil ich Bürgerkind war. Sondern ich
hatte eine bestimmte Politisierung, an deren
Ende dann die Erkenntnis stand: Das ist
ein richtiger Weg.
In der aktuell von den Medien geschriebenen
RAF-Geschichte, aber auch schon früher,
wurde versucht, insbesondere Andreas Baader
in die kriminelle Ecke zu stellen. Wie haben
Sie ihn erlebt?
Helmut
Pohl: Wie bei Ulrike dreht es sich bei dieser
Mythenbildung um Propaganda. Die ganze "kriminelle
Vergangenheit" ist doch lächerlich.
Andreas hatte von uns allen die größte
Fähigkeit zum strategischen Denken
und zur Praxis. Alle erkannten das an, er
war Orientierung.
Kennzeichnend für den medialen Umgang
mit der RAF und deren Geschichte ist - neben
der Psychologisierung - sicherlich ein weitgehender
Verzicht darauf, den politischen Rahmen
darzustellen, in dem die Stadtguerilla entstand.
Zwar werden die sogenannten Achtundsechziger,
Studentenbewegung, der Schah-Besuch vom
2. Juni 1967 mit den Todesschüssen
des Westberliner Polizeibeamten Karl-Heinz
Kurras auf Benno Ohnesorg sowie vor allem
der Vietnamkrieg aus den Betrachtungen nicht
vollständig ausgeblendet, doch fungieren
sie eher als Beiwerk. Dieses sei zwar zum
Verständnis der Zeit wichtig, könne
jedoch auf keinen Fall den Griff zu den
Waffen begründen. Wie sind Sie politisiert
worden?
Rolf
Clemens Wagner: Eigentlich wollten wir die
Darstellung der politischen Verhältnisse
auf einer doch sehr persönlichen Ebene
vermeiden. Individualisierungen können
zu Mißverständnissen führen.
Und die Motivationen, bewaffnet zu kämpfen,
sind wahrscheinlich so vielfältig wie
die verschiedenen Leute, die zur RAF gekommen
sind. Weltweit war die Kritik am Vietnamkrieg
zugleich eine Kritik am kapitalistischen
System. In der BRD kam noch ein ganz spezieller
Faktor hinzu. Auch Jugendliche konnten schon
begreifen, daß die bürgerliche
Gesellschaft eben den Faschismus hervorbringt.
Daraus folgte, daß man deswegen auch
nicht nur an der Oberfläche die Nazis
kritisierte, sondern dieses grundlegend
tat. Es entstand ein riesiger kultureller
Aufbruch. Es war eine Revolte nicht nur
gegen den Krieg, sondern gegen alles, was
die bürgerliche Gesellschaft ausmacht.
Deutschland war der Ort, an dem es möglich
gewesen war, daß es KZ-Kommandanten
gab, die wunderbare Bach-Konzerte spielen
konnten. Uns sagte das: Der Widerspruch
zwischen bürgerlicher Kultur und Faschismus
ist nicht groß. Da wurden nicht irgendwelche
Auswüchse des Systems kritisiert, sondern
es wurde grundsätzlich in Frage gestellt.
Der konservativ-restaurierte deutsche
Imperialismus stand in faschistischer Kontinuität.
Was erst kürzlich als Enthüllung
präsentiert wurde, daß nämlich
das Bundeskriminalamt maßgeblich von
hohen SS-Funktionären aufgebaut worden
war, war bereits vor 40 Jahren kein Geheimnis.
Daraus ergab sich sicherlich auch so etwas
wie eine Verantwortung, dieses System zu
bekämpfen - um nicht, wie der Elterngeneration
weitgehend zu Recht unterstellt, historisch
zu versagen. Doch der bürgerliche Staat
rüstete - schon lange vor der RAF -
auf. Wie haben Sie das erlebt?
Rolf
Clemens Wagner: Da war zum Beispiel die
Notstandsgesetzgebung 1967/68. Das war etwas,
das viele Leute auf die Straße brachte.
Eigentlich gab es keine Begründung
für die Vorbereitung auf einen inneren
Notstand zu der Zeit. Gut, Mitte der sechziger
war es zu Streikbewegungen gekommen, aber
das, was der Staat damals mit der Notstandsgesetzgebung
anvisierte, das war ja nur antizipiert,
real war davon ja nichts da. Und das, was
er damit bekämpfen wollte, der sogenannte
Notstand, der hat sich nirgendwo abgezeichnet.
Es war rein präventiv. Derartiges zieht
sich durch bis heute. Da sind wir wieder
bei Schäuble und Jung.
Helmut
Pohl: Die Notstandsgesetze wurden zum Abschluß
des sogenannten Wiederaufbaus nach dem Zweiten
Weltkrieg beschlossen, zu einem Zeitpunkt
also, als sich die BRD wieder einigermaßen
berappelt hatte. Es ging darum, in der internationalen
Politik wieder stärker mitzumischen.
Dabei bedeuteten die Notstandsgesetze, daß
die BRD ihre Souveränität wiedererlangt
hatte. Sie war damit in der Lage, über
Notstand selbst zu entscheiden. Man bereitete
sich auf eine größere Rolle des
deutschen Imperialismus vor.
Und international? Wie wurde in der aufstrebenden
Protestbewegung der Völkermord der
USA in Vietnam bewertet?
Rolf Clemens Wagner: Vietnam stand für
den Perspektivwechsel. Da wehrte sich ein
Volk bewaffnet gegen eine neokoloniale Macht
- und es wurde klar, es gibt überall
auf der Welt Bewegungen, die ganz Eigenes
entwickeln. Kuba, der Trikont insgesamt
- man erfuhr, es gibt auch anderes. Wir
entdeckten die Geschichte der Oktoberrevolution,
und es war einfach plötzlich ein ganz
anderer Bezug zur Welt. Man mußte
sich nicht mehr orientieren an der bürgerlichen
Gesellschaft, sondern man konnte wirklich
in eine ganz andere Richtung denken. Das
war einfach ein historischer Prozeß,
in dem man sich bewegt hat, in dem man auch
eine enorme Sicherheit hatte.
Und dann entsteht die RAF - ganz plötzlich
und ungeplant, oder? Den Grund hierfür
lieferte zumindest auf den ersten Blick
ein tragischer Zwischenfall bei der Befreiung
des wegen Kaufhausbrandstiftung gefangenen
Andreas Baader aus einer Bibliothek in Westberlin
am 14. Mai 1970, wo ein von der Anstaltsleitung
genehmigtes Arbeitsgespräch für
ein gemeinsames Projekt mit Ulrike Meinhof
stattfinden sollte. Daraus wurde nichts.
Ein Befreier verlor die Nerven, der Bibliotheksangestellte
Georg Linke wurde versehentlich von einer
Kugel schwer verletzt, Ulrike Meinhof sprang
gemeinsam mit Andreas Baader und dem Kommando
aus dem Fenster und damit in die Illegalität.
Eine in Panik geratene Journalistin als
ungewollte RAF-Gründerin?
Helmut
Pohl: Das ist Unsinn. Ich kenne zwar die
genauen Überlegungen damals nicht -
mit Sicherheit aber war die Frage, ob Ulrike
gleich abtaucht oder erst später, eher
taktischer Natur. Sie wollte auf jeden Fall
zur Guerilla. Sie hat mit mir schon im Jahr
zuvor über die Illegalität gesprochen,
über die Bildung einer Stadtguerilla.
Das war bereits auf dem Vietnam-Kongreß
im Februar 1968 diskutiert worden. Spätestens
seit 1969 war zudem an allen Ecken und Enden
spürbar, daß die Bewegung, die
es in den Jahren zuvor gegeben hatte, langsam
auslief. Das war für uns so unvorstellbar,
wir wollten unbedingt weitermachen. Die
Entscheidung war gefallen. Höchstens
der Zeitpunkt des Ausstiegs war unklar.
Zu dem Zeitpunkt, als Sie sich entschlossen
haben, den bewaffneten Kampf aufzunehmen,
gab es trotzdem auch andere politische Optionen,
sich gegen das System, das Ausbeutung, Unterdrückung
und Krieg hervorbrachte, zu wehren. Eine
starke Lehrlingsbewegung entstand, die Politisierung
war anhaltend stark, und die Elterngeneration
stand weiter in der Kritik. Warum sind Sie
in einer solchen komfortablen Situation,
in der beispielsweise jeder zweite Student
mit marxistischen Ideen sympathisierte,
trotzdem in den Untergrund gegangen, weg
von den Bewegungen sozusagen?
Rolf
Clemens Wagner: Wir standen keinesfalls
allein da ... Es gab andere Gruppen in Westeuropa,
die bewaffnet kämpften - in Italien,
Spanien, Nordirland, Griechenland, Portugal,
Frankreich. Wir verstanden uns als internationalistische
Gruppe. Die Frage stand: welches ist das
angemessene Konzept, um den Imperialismus
zu bekämpfen? Wenn nun von "Bewegung"
die Rede ist: Sicher, es bildeten sich Gruppen,
meist K-Gruppen. Deren Konzept schien mir
nicht geeignet, starke, gewachsene Strukturen
des Staatsapparats zu brechen. Es ging um
den Notstand nach innen und den Krieg nach
außen - und das war natürlich
Vietnam, aber auch die antikolonialen Bewegungen
in Afrika und die Befreiungsbewegungen in
Lateinamerika. Überall wurden sie mit
militärischen Mitteln bekämpft
und überall waren die USA und Westeuropa
dabei die treibende Kraft. Hier wollten
wir ansetzen, um diesen weltweiten Prozeß
zu verstärken. Und das konnte nur geschehen
auf einem angemessenen Niveau.
Also den bewaffneten Kampf? Zu jenem
Zeitpunkt war Ernesto Che Guevara mit seiner
"Botschaft an die Trikontinentale"
von 1967, mit der er zur Schaffung von "zwei,
drei, vielen Vietnams" aufrief, ja
leider bereits gescheitert - im Kongo ebenso
wie in Bolivien. Offensichtlich hatte auch,
wie vom Westberliner Vietnam-Kongreß
1968 propagiert, die Entschlossenheit der
Revolutionäre, die Revolution zu wollen,
nicht ausgereicht, um sie tatsächlich
zu erreichen. Wie wollten Sie als Stadtguerilla
die Leute für Ihre politischen Ziele
gewinnen?
Helmut
Pohl: An die Massenagitation haben wir nicht
geglaubt, das muß ich sagen. Wir haben
dieses Revolutionskonzept der diversen K-Gruppen
nicht für voll genommen. Unser Projekt
war auch ein anderes als das der traditionellen
kommunistischen Parteien. Wir haben auf
den Prozeß gesetzt, die Guerilla zu
entwickeln, durch unsere Aktionen gegen
den Staat gesellschaftlich zu polarisieren.
Die Guerilla, so unsere Vorstellung, ist
der kleine Motor, der den großen Motor
anwerfen soll. Diesen kleinen Motor galt
es aufzubauen und zu verankern.
Rolf
Clemens Wagner: Wir hatten keine Ruhe. Wir
waren umgetrieben und wollten den revolutionären
Prozeß weitertreiben.
Waren Sie zu der Zeit überzeugt, diesen
Kampf zu gewinnen und mehr Leute für
den Kampf zu gewinnen?
Helmut
Pohl: Wir hatten keine Illusion über
die Verhältnisse in der BRD selbst.
Aber wir haben unseren Kampf im internationalen
Zusammenhang und in Einheit mit den Freiheitskämpfen
im Trikont und in Europa gesehen. Die Befreiungsbewegungen
weltweit waren eine Offensive. Und auf der
Ebene haben wir schon darauf gehofft, daß
wir gewinnen. Wir bewegten uns inmitten
der Geschichte von Widerstand, Befreiung
und Revolution. Man mußte nicht mehr
völlig verloren und für sich allein
kämpfen. Freiheit bedeutete für
uns auch, bewußt Teil einer historischen
Entwicklung zu sein, und der historische
Prozeß richtete sich eindeutig gegen
den Kapitalismus. Daß der weltrevolutionäre
Prozeß dann zu Veränderungen
auch in diesem Land führt und eine
Aufbruchstimmung aus dieser Hoffnung entstand,
ist aktuell etwas schwer Vermittelbares
- insbesondere jemandem, der heute 15, 20
oder 25 Jahre alt ist.
Sicherlich auch deswegen, weil es inzwischen
Schwierigkeiten gibt, die welthistorische
Epoche zu bestimmen, in der wir leben. Damals
schien eindeutig zu sein, daß wir
uns in einer Übergangsphase befinden
vom Kapitalismus in eine höhere menschliche
Gesellschaftsform, die vom Volk dominiert
wird, in der die Ausbeutung durch die Abschaffung
des Privateigentums an den wichtigsten Produktionsmitteln
beseitigt wird - vielleicht Sozialismus
genannt, aber mit kommmunistischer Perspektive.
Rolf
Clemens Wagner: Diesen historischen Prozeß
zu begreifen, war schon ein Aha-Erlebnis,
das den 68er Aufbruch prägte. Du erfährst
plötzlich, es wird mit dir nichts gemacht,
sondern du kannst selbst machen. Die Geschichte
steht auf deiner Seite. Auch wenn wir immer
eine Minderheit waren - es hat uns nichts
ausgemacht. Wir wußten, wir haben
einfach einen ganzen Prozeß bestimmt
und darum gekämpft - dann war das nicht
so ein Drama. Es gab keinen Grund, demoralisiert
zu sein von der Schwäche der Linken.
Wenn man nur die Birne rausgekriegt hatte
aus den deutschen Verhältnissen, sah
plötzlich alles anders aus.
Eben dieser Kulturschock blieb in der
gesamten Jubiläumsbetrachtung des "Deutschen
Herbstes" ausgeklammert. Es wäre
wohl auch zu gefährlich, an diesen
Aufbruch mindestens der Jugend, aber auch
über diese hinaus zu erinnern. Nur
eine Zahl dazu: Laut Meinungsforschungsinstitut
Allensbach sympathisierte noch 1971 jeder
Vierte unter 30 Jahren mit der RAF. Und
der Staat reagierte auf den Krieg, den die
RAF ihm erklärt hatte, mit einem bis
dahin nicht gekannten Ausbau seines Apparats.
Die RAF bewirkte damit - so der Vorwurf
von linken Kräften damals - das Gegenteil
von dem, was sie erreichen wollte. "Innere
Sicherheit" stand über allem,
die RAF-Aktionen, Banküberfälle,
Angriffe auf US-Einrichtungen dienten als
Vorwand hierfür.
Rolf
Clemens Wagner: Es wurde ein Zusammenhang
hergestellt, der nicht existiert. Natürlich
diente das Projekt RAF als Vorwand für
alles Mögliche, für Gesetzesverschärfung,
für eine Computerisierung der Verfolgung,
zur Entwicklung der Rasterfahndung. Aber
dazu wäre es auch ohne die RAF gekommen.
Diejenigen, die sich um ihre Herrschaftssicherung
sorgen müssen, hätten andere Vorwände
gesucht, um daran zu argumentieren, daß
ihr "Staat der inneren Sicherheit"
für die Bevölkerung so ungeheuer
nützlich ist. Als die Notstandsgesetze
entwickelt wurden, gab es noch keine RAF.
Helmut
Pohl: Die Pläne für eine Neustrukturierung
des BKA als zentraler Institution im Fahndungsapparat
stammen von 1966. Drei Jahre später
begann die Umsetzung. Erst 1970 entstand
die RAF. Die genannte Ursachenverknüpfung
stimmt einfach nicht.
Trotzdem vergrößerte sich
die Kluft zwischen legaler Linker und der
RAF. Das geschah zum einen im Zuge der RAF-Offensive
1972 - Angriffe auf das US-Headquarter in
Frankfurt, auf die Polizeidirektion Augsburg,
das LKA München, auf Bundesrichter
Wolfgang Buddenberg, das Heidelberger Hauptquartier
der US-Landstreitkräfte -, vor allem
jedoch nach der gar nicht von Ihnen zu verantwortenden
Geiselnahme bei den Olympischen Spielen
in München im israelischen Mannschaftsquartier
durch den palästinensischen "Schwarzen
September". Wie haben Sie diese wachsende
Distanz wahrgenommen?
Helmut
Pohl: Ich glaube nicht, daß die Distanz
größer oder kleiner geworden
ist. Sie war von Anfang an mehr oder weniger
vorhanden. Klar war insgesamt, ursächlich
geht die Gewalt vom Staat aus. Insgesamt
klar war auch, die USA agieren in Vietnam
immer bestialischer, verbrennen Frauen und
Kinder mit Napalm, foltern und morden wahllos.
Das Land wurde mit Bombenteppichen überzogen.
Aber nicht klar war, wie man dagegen vorgehen
kann. Die einen setzten auf spontane Aktivitäten,
andere auf kadermäßig angelegte
"Massenarbeit", es gab welche,
die den Weg durch die Institutionen propagierten-
wo sie gelandet sind, ist bekannt. Die Distanz
vergrößerte sich allenfalls in
dem Maß, wie sich die damalige Linke
vom revolutionären Prozeß entfernt
hat.
Die BRD erlebte dann im Herbst 1972 eine
gigantische Fahndungswelle. Der mediale
und politische Manipulationsapparat blies
zur Jagd auf die "Baader-Meinhof-Bande",
und die Linke versuchte eher hilflos, die
Hetze zu relativieren und setzte sich dafür
ein, nicht von "Bande", sondern
- zivilisiert und nicht offen kriminalisierend
- von "Gruppe" zu sprechen. Doch
im Zentrum stand zunehmend zunächst
das verlangte, der Massenstimmung geschuldete
Distanzierungsritual.
Rolf
Clemens Wagner: Die Distanz ist kein Spezialproblem
des Verhältnisses der legalen Linken
zur RAF. Die ganze Geschichte von Bewegungen
inklusive des Aufbruchs in den sechziger
Jahren und danach war auch vom Problem der
Distanzierung begleitet. Zu militanten Demonstrationen
gingen Teile auf Abstand. Das geschieht
bis heute, siehe Rostock-Heiligendamm, also
die Anti-G-8-Proteste in diesem Jahr. Und
derartige Bewertungen, die die Aktion formal
an Rechtmäßigkeit oder angeblicher
Akzeptanz in der Bevölkerung messen,
werden natürlich besonders heikel,
wenn es um das Verhältnis zu einer
Guerillagruppe geht. Anfang der 70er Jahre
existierte eine breite Akzeptanz für
das politische Konzept ebenso wie für
die Analyse der RAF. Kaum jemand kam daran
vorbei, und es gab viele Auseinandersetzungen
darum. Es war fester Bestandteil der politischen
Debatte. Das Problem der Distanzierung wird
uns auch in Zukunft permanent weiter beschäftigen
- und ich kenne auch heute keine Lösungen.
Helmut
Pohl: Aktuell interessant scheint mir die
Frage, warum die RAF heute immer noch -
oder wieder - auf blindwütige Art angegriffen
wird. Es gibt das Projekt seit bald einem
Jahrzehnt nicht mehr, und ich sehe auch
keine Ansätze, daß etwas Vergleichbares
entsteht. Die sogenannte Gefahr, die vor
allem staatlicherseits immer beschworen
wird, besteht nicht. Warum also die Kampagne
und warum in dieser Schärfe? Der Umgang
mit dem 25. Jahrestag des "Deutschen
Herbstes" war nicht so zugespitzt.
Das hängt unmittelbar mit der aktuellen
Situation zusammen. Je mehr der Krieg zum
Normalzustand wird, desto stärker müssen
sie sich als Moralapostel gerieren. Und
sicherlich spielt auch die Tatsache eine
Rolle, daß die BRD noch nie so angegriffen
worden war wie damals von der RAF. Eine
relativ kleine Gruppe attackierte diesen
mächtigen Staat von innen heraus. Das
zeigte, daß so etwas möglich
ist, und das versucht der Staat natürlich,
wieder auszuradieren.
Doch noch im Juni und Juli 1972 gelang
es dem Apparat, eine Reihe der damaligen
Führung und Mitbegründer der RAF
zu verhaften, darunter Andreas Baader, Holger
Meins7, Jan-Carl Raspe,
Gudrun Ensslin, Brigitte Mohnhaupt8,
Irmgard Möller 9.
Im Februar 1974 wurden auch Sie, Helmut
Pohl, und sechs weitere RAF-Angehörige
festgenommen. Sie erhielten fünf Jahre
Gefängnis wegen Mitgliedschaft in einer
"kriminellen Organisation". Und
trotzdem existierte die RAF draußen
weiter. Ein Phänomen?
Helmut
Pohl: Die RAF war natürlich enorm geschwächt
durch diesen Schlag des Staatsapparats.Trotzdem
gab es personelle Kontinuitäten. Zur
Geschichte der RAF gehört, daß
es immer wieder neue Personen und Gruppierungen
gab, die das Konzept aufgegriffen haben.
Die RAF agierte zu keiner Zeit organisatorisch
stabil. Es schlossen sich immer wieder neue
Leute an. Das kommt ja nicht von nirgendwoher,
sondern das war die Anziehungskraft, die
von unserem Kampf ausging.
Können Sie diese Umbruchsituationen
- sei es durch Verhaftungen, sei es durch
politische Einschnitte -zeitlich genauer
bestimmen?
Helmut
Pohl: Das war in den siebziger Jahren mindestens
dreimal - 1972, 1974 und 1976 - der Fall,
und in den 80ern auch noch zweimal. Es kamen
immer wieder neue Gruppen. Daß trotzdem
jedes Mal eine Kontinuität hergestellt
werden konnte, ist sicherlich ein Zeichen
von Stärke. Trotzdem kritisiere ich
uns grundsätzlich wegen eines großen
Mankos: Es ist uns nicht gelungen, die militärische
Aktion der RAF in politische Prozesse umzusetzen
und in ein greifbares politisches Projekt
münden zu lassen.
Wie hätte das geschehen sollen?
Helmut
Pohl: Zum Beispiel wie bei der Stadtguerilla
in Uruguay. Nachdem die gefangenen Tupamaros10
freigelassen werden mußten, kam es
zu einer großen gemeinsamen Diskussion
der Aktivisten über die Zukunft des
politischen Projekts. Es gelang, sie sind
heute Teil der politischen Struktur in Uruguay.
Natürlich lassen sich die Bedingungen
und Verhältnisse nicht eins zu eins
übertragen. Aber es treibt uns heute
noch um, daß wir, Gefangene und Illegale,
es nicht geschafft haben, zusammen eine
politische Kontinuität zu erreichen.
Statt dessen fand keine Auseinandersetzung
darüber statt, und draußen dominierte
immer wieder der Aktionismus.
Welche Aktionen, die eine politische Entwicklung
behinderten, meinen Sie?
Helmut
Pohl: Es gab zum Beispiel die gemeinsame
Offensive der französischen Action
Directe/AD11 und der
RAF von 1985 bis 1986. Die AD hatte Recht,
die Offensive gegen den militärisch-industriellen
Komplex mit einer Erklärung zu beenden.
Es war an der Zeit, neue Analysen vorzunehmen
und daraus Schlußfolgerungen für
den Kampf zu ziehen. Die RAF hat das versäumt.
Es wurden Angriffe zum Beispiel auf Wirtschaftsführer
fortgesetzt, und nicht nur ich hielt das
für falsch. Es fehlte das politische
Konzept, das in der Diskussion hätte
entwickelt werden müssen.
Rolf
Clemens Wagner: Uns in den Gefängnissen
war bereits Mitte der achtziger Jahre bewußt,
daß sich eine historische Zäsur
abzeichnete, die das gesamte bis dahin bestehende
Weltsystem auflöst. Und daß damit
das politische Koordinatensystem, in dem
wir uns als Guerilla bestimmt hatten, nicht
mehr existiert. Das wollte damals niemand
sehen, wir sind nur auf Unverständnis
gestoßen. Die notwendigen Diskussionen
in der revolutionären Linken draußen,
einschließlich der RAF, haben faktisch
nicht stattgefunden, geschweige denn wurde
ein politisches Projekt in der neuen Situation
entwickelt. Wir alle wurden dann von der
realen Entwicklung, die 1989 eintrat, überrollt.
Die Aktionen der RAF konnten keine politische
Wirkung mehr entfalten. Die Auflösung
1998 war überfällig.
Sie sprachen auch von einer schweren
Krise der RAF-Politik, nachdem die Gefangenenbefreiung
im Herbst 1977 gescheitert war.
Helmut
Pohl: Das läßt sich sicherlich
nicht mit der Lage zehn Jahre später
vergleichen. Doch war die Entführung
der "Landshut" ein Fehler. Es hatte
nach den Ereignissen von Entebbe 197612
intensive Diskussionen vor allem unter den
Gefangenen gegeben. Wir kritisierten die Aktion
in mehrfacher Hinsicht. Die Selektion der
Passagiere mit israelischen Pässen, daß
die Entscheidung der Aktion im Trikont gesucht
wurde statt in der Metropole, und grundsätzlich
das Mittel der Flugzeugentführung. Trotzdem
stimmten unsere Leute draußen dem Vorschlag
der Palästinenser zur Entführung
der "Landshut" zu.
Folgt man den Veröffentlichungen zum
"Deutschen Herbst", dann diente
diese Phase der RAF-Entwicklung, beginnend
mit der Verhaftung der Führung 1972,
ausschließlich der Befreiung der Gefangenen.
Spiegel- Stichwort "Gefangenenbefreiungsguerilla":
War die RAF im "Deutschen Herbst",
der am 18. Oktober 1977 tragisch endete,
zum Selbstzweck geworden?
Rolf
Clemens Wagner: Was heißt denn Selbstzweck?
In der Zeit vor 1977 hatte die Befreiung
der bedrohten Genossinnen und Genossen absolute
Priorität. Sie saßen in den toten
Trakten, und die ersten waren schon umgebracht
worden: Holger Meins, Siegfried Hausner13,
Ulrike Meinhof. Die Situation brannte uns
unter den Nägeln. Für uns war
klar: Die Gefangenen zu befreien war unser
wichtigstes und nächstes Ziel. Einerseits
waren sie existentiell bedroht, andererseits,
klar, wir wollten sie auch draußen
haben. Es ist unverzichtbar für eine
Guerillabewegung, auch Aktionen mit dem
Ziel durchzuführen, Gefangene zu befreien.
Und wir haben uns natürlich immer wieder
gefragt, was konkret machen wir, was macht
politisch Sinn?
Manche Ergebnisse unserer Überlegungen
bleiben auch aus heutiger Sicht richtig.
Wie die Entscheidung, Hanns Martin Schleyer
zu entführen. Der wurde mit seiner
SS-Geschichte als Wehrwirtschaftsführer
in besetzten Gebieten und seiner aktuellen
Funktion als Aussperrer und Präsident
des Unternehmerverbandes ja nicht zufällig
ausgesucht. Und gerade an ihm hätten
wir unsere Analyse und Politik vermitteln
können. Also die historische Kontinuität,
für die er stand beispielsweise. Das
geschah nicht. Statt dessen wurde aus diesem
Politikum einfach zuwenig gemacht. Er war
Gefangener, und das war es schon. Es gab
überhaupt keine politische Erklärung,
sondern lediglich die Forderung nach Austausch
von Personen, dann wieder eine Warnung an
die Bundesregierung sowie Texte, die Schleyer
geschrieben und gesprochen hat. Aber nichts
von uns selbst.
Warum haben Sie dann nicht versucht,
politisch zu argumentieren? Geschah das
auch deswegen, weil sich die Aktion immer
weiter in die Länge zog? Schleyer war
ja bereits am 5. September entführt
worden.
Rolf
Clemens Wagner: Zunächst will ich mal
festhalten, weil immer wieder kolportiert
wird, daß die Offensive 77 in Stammheim
geplant worden sei: Die Aktionen waren von
Anfang an nicht in Stammheim, sondern ausschließlich
draußen diskutiert worden. Sie waren
auf eine viel kürzere Zeit angelegt.
Und zur Konzeption gehörte, daß
mit Jürgen Ponto ...
...
dem Vorstandsvorsitzenden der Dresdner Bank
...
Rolf
Clemens Wagner: ... ein weiterer hochkarätiger
Vertreter des deutschen Kapitals entführt
wird.14 So hätte
ein stärkerer Druck entwickelt und
eine positive Entscheidung herbeigeführt
werden sollen. So unser Plan. Doch die Entführung
Pontos scheiterte, die Schleyer-Aktion zog
sich auch deswegen in die Länge, weil
der Krisenstab auf Zeit gespielt hat. Wir
haben die Zeit nicht genutzt, die politische
Dimension spielte einfach eine viel zu geringe
Rolle. Wir hatten während der sechs
Wochen immer gehofft, doch noch die Gefangenen
freizubekommen.
Mit der direkten Folge, daß auch Schleyer
freigelassen worden wäre?
Rolf
Clemens Wagner: Selbstverständlich.
Das war die Planung, und sie wäre umgesetzt
worden. Die "Landshut" kam darin
zunächst überhaupt nicht vor.
Später dann trugen die Palästinenser
den Vorschlag an uns heran, durch die Entführung
eines Flugzeugs den Druck zu erhöhen.
Und wir stimmten zu. Aus heutiger Sicht
war das die schlimmste Entscheidung, an
der ich beteiligt war. Schwer nachvollziehbar,
aber doch aus der Situation heraus eventuell
zu verstehen - eine Lage, die von der totalen
Bewegungslosigkeit, die der Staat in der
Frage der Freilassung der Gefangenen demonstrierte,
gekennzeichnet war. Auf unserer Seite, also
der RAF außerhalb der Knäste,
fehlte es 1977 generell an politischer Orientierung.
Man kann Schleyer ja im nachhinein einiges
andichten, doch eines sicherlich nicht:
daß er in der Bevölkerung etwa
als Sympathieträger galt. Damit hätten
wir politisch arbeiten müssen.
So daß die Linie von Kanzler Helmut
Schmidt, unter dem Stichwort "Der Staat
läßt sich nicht erpressen"
auf keinen Fall auf die Forderungen der
Entführer einzugehen, eventuell hätte
unter Druck geraten können. Oder anders:
Schmidt setzte auf Fahndung und riskierte
den Tod Schleyers bei deren Scheitern.
Rolf
Clemens Wagner: Natürlich hätte
Schmidt auf unsere Forderungen eingehen
können. Zumal die Gefangenen ausdrücklich
erklärt hatten, daß sie nicht
mehr zurück in die BRD kommen und damit
die angebliche Gefahr, sie würden nach
der Freilassung weiter hier Aktionen machen,
hinfällig war.
Eine Zeitlang schien es den Gefangenen
in Stammheim ja auch tatsächlich so,
als nähme ihr Austausch konkret Gestalt
an - insbesondere, als Baader, Ensslin,
Raspe und Möller aufgefordert wurden,
Formulare auszufüllen und darauf Ausreiseländer
ihrer Wahl anzugeben ...
Rolf
Clemens Wagner: Es wurde so manches von
seiten des Krisenstabs unternommen, um Zeit
zu gewinnen.
Später stellte sich heraus, daß
Schleyer von Schmidt und Co. bereits kurz
nach der Entführung abgeschrieben worden
war, also staatlicherseits auf eine militärische
Lösung des Problems orientiert wurde.
Rolf
Clemens Wagner: Wir wollten es damals nicht
wahrhaben. Dabei hätte man erkennen
können, daß die Entscheidung
bereits gefallen war und daß der Staat
auf eine gewaltsame Beendigung der Geiselnahme
setzte.
Was dann ja auch im Fall der "Landshut"
in Mogadischu unter blutigen Umständen
mit insgesamt vier Toten geschah. Schleyer
wurde dann vom RAF-Kommando "Siegfried
Hausner" erschossen, obwohl klar war,
daß das ursprüngliche Ziel nicht
erreicht wird. Sehen Sie das heute auch
so kritisch wie die "Landshut"-Entführung?
Rolf
Clemens Wagner: Nein.
Am Morgen des 18. Oktober 1977 endete
der "Deutsche Herbst" mit dem
Tod von drei Gefangenen in Stammheim, Etage
sieben: Andreas Baader, Gudrun Ensslin,
Jan-Carl Raspe. Diese hätten sich selbst
umgebracht, mit von ihren Anwälten
eingeschmuggelten Pistolen erschossen oder
- im Fall Ensslins - sich mit einem Lautsprecherkabel
erhängt. Irmgard Möller überlebte
als einzige - schwerverletzt. Über
sie hieß es, sie habe sich mit einem
stumpfen Messer selbst drei Stiche in der
Brustgegend beigebracht - eine abenteuerlich
anmutende Behauptung. Helmut Pohl, Sie selbst
waren glücklicherweise nicht mehr in
Stammheim. Man hatte Sie im August 1977,
also kurz vor Herbstbeginn, wieder wegverlegt.
Wäre das nicht geschehen, würden
Sie heute aller Wahrscheinlichkeit nicht
mehr leben?
Helmut
Pohl: Ja, das ging mir damals auch durch
den Kopf.
Laut der Interpretation der Ereignisse
durch Aust, die ja inzwischen zur offiziellen
Geschichtsschreibung erhoben wurde, ist
an der Selbstmordthese nicht zu rütteln.
Von der Selbsttötung als "letztem
Akt der Rebellion" ist die Rede und
davon, daß angestrichene Textzitate
aus Brechts "Die Maßnahme"15,
die in eine ähnliche Richtung gehen,
gefunden wurden. War unter den Gefangenen
kollektiv über Selbstmord als Widerstandsakt
diskutiert worden?
Helmut
Pohl: Nein. Zudem war ja - laut Aust - angeblich
alles abgehört worden, allerdings eben
keine "Verabredung zum Selbstmord".
Die wahrscheinlich einfachste Erklärung
hierfür lautet, daß es Derartiges
nicht gab und also auch nicht abgehört
werden konnte. Für jeden von uns, der
in den Knast kam, war klar, daß der
Kampf mit der Gefangennahme nicht aufhört,
sondern daß sich lediglich das Terrain
änderte, auf dem man - wenn auch sehr
eingeschränkt - handeln konnte. Andreas
antwortete nach der Verhaftung 1972 auf
die Frage, wie er denn mit der Niederlage
umgehe: Welche Niederlage? Es geht weiter.
Ich habe nie etwas von derartigen Diskussionen
gehört, geschweige denn, daß
ich an solchen teilgenommen hätte.
Und ich kann es mir nicht vorstellen, daß
es sie gegeben hat.
Als Sie vom "Selbstmord" der
Gefangenen hörten, war Ihnen da sofort
klar, daß es sich um eine Inszenierung
handelte?
Rolf
Clemens Wagner: Natürlich. Es ging
um Rache. Und es ging um die Eliminierung
der Kader.
Helmut
Pohl: Und das war nicht neu. Bei Andreas
zum Beispiel hatte es während eines
Hungerstreiks Versuche gegeben, ihn umzubringen
durch Wasserentzug. Es gab physische Übergriffe
bei der Verhaftung und im Knast. Es gab
Drohungen. Und 16 Jahre später wurde
dann der Tod von Wolfgang Grams16
auch als Selbstmord deklariert, obwohl es
eine Zeugin gab, die gesehen hatte, wie
er in Bad Kleinen exekutiert worden war.
Es wiederholt sich also.
Erstaunlich erscheint tatsächlich,
mit welcher Selbstverständlichkeit
heutzutage die Selbstmordthese akzeptiert
wird. Dabei existiert ein dickes Bündel
an ungeklärten Fragen zu den Todesumständen
- all das spielt nur am Rande eine Rolle.
Rolf
Clemens Wagner: Es findet heute wieder ungehemmt
eine Geschichtsschreibung von oben statt.
Also, 1977, direkt nach der Nacht von Stammheim,
haben wir niemanden getroffen - und das
waren keinesfalls nur Linke, zu denen wir
Kontakt hatten -, die an Selbstmord geglaubt
haben. Vielmehr schien es völlig logisch,
daß am Ende genau die Leute tot waren,
um deren Befreiung es gegangen war.
Noch heute werden meterweise Akten zu
den Vorgängen nicht freigegeben; wie
auch Untersuchungsergebnisse von Ermittlungsausschüssen.
Selbst Aust beschreibt eine Reihe von Ungereimtheiten
- und attestiert sonderbarerweise zugleich
trotzdem der Selbstmordthese eine Art historische
Wahrheit.
Rolf
Clemens Wagner: Im sogenannten Krisenstab
damals wurden "exotische" Vorschläge
diskutiert. Von Franz-Josef Strauß
wird kolportiert, er habe gefordert, stündlich
Gefangene zu erschießen bis Schleyer
frei ist. Oder die Wiedereinführung
der Todesstrafe für genau die, deren
Freilassung verlangt wurde. Danach entstand
die Linie, möglichst keine Gefangenen
mehr zu machen. Ende der Siebziger wurden
drei steckbrieflich gesuchten Genossen Kopfschüsse
verpaßt.17 Wir
haben das seinerzeit "Kill-Fahndung"
genannt. Also, damals trauten viele Leute
diesem Staat doch einiges zu, was mit dessen
proklamierten demokratischen Ansprüchen
nicht in Übereinstimmung stand. Das
hat sich heute offensichtlich verändert.
Nun widersprechen Ihrer Version des "Deutschen
Herbstes" nicht nur staatliche Stellen,
sondern auch ehemalige Aktivisten aus den
Reihen der RAF selbst. Vor allem in den
Aust-Beiträgen im Spiegel und in der
ARD blieb es Leuten wie Horst Mahler, heute
Neonazi, und Peter-Jürgen Boock, heute
Kronzeuge und wohl auch als journalistischer
Zuträger gegen Geld tätig, vorbehalten,
die RAF-Geschichte zu schreiben.18
Helmut
Pohl: Aber vielleicht bringen wir ja eine
Veröffentlichung zustande, in der ein
Boock keine Rolle spielt...
Das würden wir ja gerne tun. Trotzdem
müssen wir an dieser Stelle auf die
Kronzeugenregelung eingehen, die zu von
der Staatsanwaltschaft erwünschten
Aussagen führte - Haftverkürzung
oder niedrigere Strafen oder Entlassung
gegen entsprechende Zeugnisse. Auch gegen
Sie, Rolf Clemens Wagner, sagten nach dem
Ende der DDR Leute aus, die dort zehn Jahre
im Exil gelebt hatten. Sie wurden dafür
belohnt.
Rolf
Clemens Wagner: Die Kronzeugen sind ein
trauriges Kapitel. Aber ich denke, daß
sie weitgehend diskreditiert sind nach ihrer
soundsovielten Version verschiedener Ereignisse.
Wer seriös damit umgeht, wer sich ihre
Rollen unvoreingenommen anschaut, muß
zu dem Ergebnis kommen, daß den Aussagen
nicht zu glauben ist. Muß man das
noch erklären? Zu Mahler sei noch erwähnt,
daß er schon 1973 vom Kollektiv aus
der RAF ausgeschlossen worden ist.
Wie kam es zum Ausstieg von zehn Mitgliedern
der RAF und der Bewegung 2. Juni 19,
wie kam es zu deren Asyl in der DDR ab 1980?
Eine Verbindung zur politischen Sinnkrise
in den Jahren nach der Todesnacht von Stammheim
drängt sich auf.
Helmut
Pohl: Sicher. Die RAF befand sich in einer
schweren Krise. Es wollten Leute aussteigen,
aber wohin? Durch Kontakte zur DDR war es
gelungen, ihnen gute Bedingungen zu verschaffen-
sonst wären sie in den Knast eingefahren.
Die DDR-Genossen haben ihnen dann wirklich
das für die vorhandenen Möglichkeiten
Optimale verschafft. Sie haben einen großen
Aufwand betrieben, um zunächst die
zehn - später kamen dann noch zwei
weitere dazu - zu integrieren. Die Aussteiger
wurden nicht etwa in irgendeine Ecke verfrachtet
und Schluß, aus. Sie haben Berufsausbildung
erhalten, konnten studieren. Die DDR hat
sich wirklich reingehängt. Das sollte
niemand denunzieren.
Das geschah dann aber nach Enttarnung
der RAF-Aussteiger sowohl, was die DDR,
als auch was ihre ehemaligen Mitkämpfer
betraf.
Helmut
Pohl: Sie hauten diejenigen Mitkämpfer,
die weitergemacht hatten, Kontakte herstellten
und ihren Ausstieg über ein Jahr hindurch
unter großem Risiko vorbereitet hatten,
in die Pfanne.
Warum waren sie überhaupt von der
DDR aufgenommen worden, Helmut Pohl? Sie
selbst waren 1980 an entsprechenden Verhandlungen
beteiligt.
Helmut
Pohl: Es gab keine Verhandlungen, sondern
Gespräche. Unsere Kontaktpersonen auf
der DDR-Seite haben immer wieder betont,
daß die DDR den Kontakt zu uns als
Beitrag zum Internationalismus verstünde
- und daß ihre Politik eben auch grundsätzlich
internationalistisch angelegt sei, siehe
Befreiungsbewegungen im Trikont.
Aber die DDR-Seite wußte doch auch
von der - sagen wir mal - kritischen Distanz
der RAF gegenüber dem Realsozialismus?
Zudem buchten viele kommunistische Parteien
die Stadtguerilla unter "individuellem
Terror" oder "Linkssektierertum"
ab.
Helmut
Pohl: Ich war auch erstaunt über manches,
was sie gesagt und getan haben, gerade weil
sie erklärt hatten, daß sie eigentlich
unseren Weg für politisch falsch hielten.
Und sie kannten auch unsere Vorbehalte gegenüber
der DDR und daß wir, angefangen beim
Parteiaufbau, einfach ein völlig anderes
Selbstverständnis hatten.
Von westlichen Linken wurde auch immer wieder
unterstellt, daß zumindest Teile der
RAF vom Verfassungsschutz unterwandert waren.
Dagegen spricht sicherlich nicht nur, daß
der DDR-Coup der RAF erst nach der Auflösung
der DDR aufgeflogen ist. Und doch: Ende
der Sechziger beispielsweise gab es einen
V-Mann namens Peter Urbach, der laut Spiegel
an der Beschaffung von Waffen beteiligt
gewesen sein soll. Und es gab 20 Jahre später
den V-Mann Klaus Steinmetz, der Birgit Hogefeld
und Wolfgang Grams verraten hat.20
Rolf
Clemens Wagner: Die RAF war nie vom Verfassungsschutz
unterwandert. Was es gab, waren Leute, zu
denen wir Kontakt hatten und von denen sich
später rausstellte, daß sie als
V-Leute tätig waren. Grundsätzlich
muß die Frage allerdings anders gestellt
werden. Nämlich: Schaffen sie es, Einfluß
zu nehmen? Mit der Einschleusung von Spitzeln
hatte mancher von uns bereits in der Legalität
Erfahrungen sammeln müssen. Diese Leute
hatten die Aufgabe, Gruppen auszuforschen
und vor allem auch zu erfahren, wer was
wann und wo macht. Trotzdem ist die Tatsache,
daß der Staat versucht, Spitzel anzusetzen
oder einzuschleusen, nur die eine Seite
der Medaille. Die andere Sache ist, ob sie
tatsächlich die Möglichkeit haben,
Einfluß zu nehmen. Die Geschichte
der RAF demonstriert, daß sie das
nicht schafften. Die blühenden Unterwanderungsphantasien
halten sich hartnäckig. Man wird sie
auch durch Reden nicht aus der Welt schaffen
können. Spekulanten machen damit ihr
Geschäft.
Die politischen Gefangenen aus der RAF
waren von Beginn an besonders scharfen Haftbedingungen
unterworfen. Sie selbst als unsere Gesprächspartner
haben insgesamt 45 Jahre in Knästen
dieses Landes verbracht. Wie haben Sie diese
lange Zeit überstanden?
Rolf
Clemens Wagner: "Scharfe Haftbedingungen"
hat bedeutet: Isolationshaft. 23 Stunden
allein in der Zelle, wochenlang Schlafentzug
durch Dauer-Neonlicht, Einzelhofgang, totales
Kontaktverbot zu Mitgefangenen, Trennscheibe
bei Besuchen, auch vom Anwalt, strenge Zensur.
Nach der Verurteilung waren manche von uns
in Kleinstgruppen in Hochsicherheitstrakten
isoliert. Die meisten blieben in Einzelhaft
bis nach dem Hungerstreik 1989. Jahre, fast
Jahrzehnte total abgeschnitten von jeder
direkten Kommunikation mit den Genossinnen
und Genossen. Das übersteht man vor
allem durch den Kampf um Kommunikation untereinander.
Wenn der Angriff ständig läuft,
wie das in der Isolation ist, dann wehrt
man sich auch ständig. Was anderes
bleibt einem auch gar nicht übrig,
wenn man integer überleben will. Aushalten
kann man das nicht. Das hält kein Mensch
aus. Die ganze Knastsituation kam immer
irgendwann an einen Punkt, da mußte
was passieren. Meine Erfahrung ist - und
ich habe das auch von anderen Gefangenen
gehört -, daß es einem während
Hungerstreiks eigentlich am besten ging.
Nicht physisch, aber weil man aktiv ist,
mit anderen zusammen einfach kämpft.
Helmut
Pohl: In der aktuellen Kampagne wird ja
wieder behauptet, es habe gar keine Isolation
gegeben. Es wird dabei mit der Situation
im siebenten Stock in Stammheim argumentiert.
Richtig ist, daß die Bedingungen der
Gefangenen in Stammheim, als dort der Prozeß
begann, verbessert wurden. Aber das kam
daher, daß die Gefangenen ärztliche
Gutachten erkämpft hatten, die sagten,
daß sie bei weiterer Isolierung prozeßunfähig
werden. Der Justizapparat mußte eine
begrenzte Zusammenlegung zulassen; stundenweise
"Aufschlüsse", bei denen
die Gefangenen zusammenkommen konnten und
Bücher und ähnliches; weil sonst
der Prozeß, den sie so dringend wollten,
geplatzt wäre. Nach dem Urteil wären
sie wieder zurück in die Isolation
gekommen, wie es die anderen in der ganzen
Zeit geblieben waren.
Was kommt danach, nach der langen Haftzeit?
In 20 Jahren und länger hat sich die
Welt verändert, manchmal so stark,
daß sie kaum wiedererkennbar ist.
Helmut
Pohl: Es ist schon nicht leicht nach so
einer langen Zeit. Man muß ganz von
vorne anfangen, Erfahrungen in der veränderten
politischen Situation sammeln, um wieder
ein Bild zu kriegen. Aber wir waren ja nicht
aus der Welt, wir haben die politischen
und gesellschaftlichen Entwicklungen draußen
sehr genau verfolgt und analysiert. "Kaum
wiedererkennbar" stimmt ja auch nicht,
es sind die alten Verhältnisse, allerdings
hat der Kapitalismus eine neue Stufe erreicht.
Rolf
Clemens Wagner: Wir wußten, daß
zum Beispiel die Ausbeutung sich unglaublich
verschärft, daß die Ware Arbeitskraft
immer mehr entwertet wird, Verarmung und
Deklassierung immer mehr um sich greifen
- um nur mal über die Verhältnisse
im Innern zu reden. Also über die unmittelbaren
Folgen der entgrenzten kapitalistischen
Produktionsweise, der Globalisierung. Das
war uns ja bekannt. Allerdings, wie es sich
anfühlt als "Klient" auf
dem Arbeitsamt, wie es konkret ist, mit
Hartz IV auskommen zu müssen, wie extrem
eingeschränkt man damit ist, das war
dann doch noch mal was anderes. Darin dann
seinen Alltag zu organisieren, war nicht
einfach. - Unsere Position zu dieser ganzen
Entwicklung ist unverändert. Wenn der
Widerstand diese Entwicklung nicht stoppt,
sind die Aussichten ziemlich finster. Zwar
erfahren immer mehr Menschen in ihrem Alltag
die Auswirkungen, aber die revolutionäre
Linke ist schwach. Es gibt jedoch überall
Keime für eine Veränderung.
1
Christian Klar (geb. 1952), war Mitte der
70er Jahre in der RAF organisiert, wurde
1982 verhaftet und in zwei Prozessen wegen
Beteiligung an fast allen Aktionen der RAF
zwischen 1977 und 1981 zu lebenslänglich
verurteilt. Inhaftiert in der JVA Bruchsal
2
Adelheid Schulz (geb. 1955), war Mitte der
70er in der RAF, wurde 1982 verhaftet und
u.a. wegen der Schleyer- Entführung
verurteilt. 1998 mußte die Haft wegen
schwerer Krankheit unterbrochen werden.
2002 wurde Heidi Schulz begnadigt
3
Ulrike Meinhof (geb. 1934), Mitbegründerin
der RAF, wurde 1972 verhaftet und starb
1976 in Stammheim. Die staatliche Version:
Selbstmord. Eine internationale Untersuchungskommission
kam zu dem Schluß, daß sie sich
nicht umgebracht hat, sondern ermordet wurde
(ausführlich: "Der Tod Ulrike
Meinhofs", Unrast reprint 2007)
4
"Tote Trakte" waren zu Beginn
der 70er Jahre leere Gefängnisteile,
in denen Einzelhaft unter zusätzlicher
akustischer und visueller Isolation gegen
Gefangene aus der RAF praktiziert wurde.
- 1973 sollte auf Antrag der Bundesanwaltschaft
und abgesegnet vom Bundesgerichtshof eine
Untersuchung von Ulrike Meinhofs Gehirn
durchgeführt werden, um ihre "Zurechnungsfähigkeit"
zu klären. Dazu sollte auch Zwangsnarkose
eingesetzt werden, falls sie sich wehrt,
und um eine sofortige Operation zu ermöglichen,
wenn die Ärzte es für nötig
halten. Dies konnte durch massive öffentliche
Proteste verhindert werden (ausführlich:
Pieter Bakker Schut "Stammheim - die
notwendige Korrektur der herrschenden Meinung",
Pahl-Rugenstein). - Es war nicht der einzige
Versuch, Ulrike Meinhof und die RAF für
"verrückt" zu erklären.
2002 wurde bekannt, daß die Gehirne
von Ulrike Meinhof, Andreas Baader, Gudrun
Ensslin und Jan Raspe nach ihrem Tod ohne
Wissen ihrer Angehörigen und Anwälte
entfernt und zu Forschungszwecken an den
Universitäten Tübingen, Dresden
und Magdeburg missbraucht wurden.
5
Gudrun Ensslin (geb. 1940), Andreas Baader
(1943) und Jan-Carl Raspe (1944) gehörten
zu den Mitbegründern der RAF und wurden
1972 verhaftet. Sie starben am 18.10.77
in Stammheim.
6
Am 19.5.1972 wurden bei einer Aktion der
RAF gegen die Zentrale des Springer-Konzerns
in Hamburg 34 Menschen verletzt. Trotz frühzeitiger
und mehrfacher telefonischer Warnungen durch
das Kommando 2. Juni der RAF wurde das Gebäude
nicht geräumt.
7
Holger Meins (geb. 1941), ebenfalls Mitbegründer
der RAF, wurde mit Andreas Baader und Jan-Carl
Raspe 1972 verhaftet und starb an den Folgen
der Zwangsernährung während des
Hungerstreiks 1974.
8
Brigitte Mohnhaupt (geb. 1949), schloß
sich 1971 der RAF an, wurde 1972 verhaftet
und war nach ihrer Entlassung im Februar
1977 wieder in der RAF organisiert. Erneute
Verhaftung 1982; im Prozeß gemeinsam
mit Christian Klar 1985 verurteilt, u.a.
wegen "Rädelsführerschaft"
und Beteiligung an den RAF-Aktionen 1977.
Sie wurde im März 2007 entlassen.
9
Irmgard Möller (geb. 1947), schloß
sich 1971 der RAF an und wurde 1972 verhaftet.
Im ersten Prozeß wegen Mitgliedschaft
in der RAF zu fünf Jahren verurteilt,
im zweiten Prozeß 1979 aufgrund von
Kronzeugenaussagen zu Lebenslänglich
wegen der RAF-Aktion gegen das US-Hauptquartier
in Frankfurt. - Ab 1976 war sie ebenfalls
in Stammheim inhaftiert. Als einzige überlebte
sie schwerverletzt die Todesnacht von Stammheim
und bestreitet, daß es irgendwelche
Absprachen für "Selbstmorde"
unter den Gefangenen gegeben und sie sich
die Verletzungen selbst zugefügt hat.
Irmgard Möller wurde 1995 entlassen.
10
Tupamaros - Movimiento de Liberacion Nacional
Tupamaros (MLN-T). Stadtguerillabewegung
in Uruguay ab 1963 bis zur Zerschlagung
1972/73 nach einem Militärputsch. -
Nach dem Ende der Diktatur 1985 wurden durch
starke Mobilisierungen der Bevölkerung,
alle politischen Gefangenen freigelassen.
Die Ex-Tupamaros gründeten nach intensiven
Diskussionen eine politische Partei und
sind heute stärkste Fraktion des Linksbündnisses
"Frente Amplio".
11
Action Directe (AD) - eine seit 1979 aktive
kommunistische Guerillabewegung in Frankreich,
die ab Mitte der 80er Jahre eng mit der
RAF zusammenarbeitete (ausführlich:
www.action-directe.net). - Ehemalige Aktivisten
der AD sind seit über 20 Jahren inhaftiert:
Régis Schleicher, Georges Cipriani,
Nathalie Ménigon und Jean-Marc Rouillan.
12
Am 27. Juni 1976 wurde ein Air-France-Verkehrsflugzeug
mit 250 Passagieren an Bord durch ein palästinensisches
Kommando und Mitglieder der Revolutionären
Zellen nach Entebbe/Uganda entführt.
Das Kommando selektierte die etwa 100 israelischen
Staatsangehörigen und ließ die
nicht-jüdischen Passagiere frei. Die
Aktion, mit der 53 politische Gefangene
aus verschiedenen Ländern freigepreßt
werden sollten, scheiterte. Eine israelische
Spezialeinheit befreite die Geiseln und
erschoß alle Kommandomitglieder.
13
Siegfried Hausner (geb. 1952) war Mitglied
des "Kommando Holger Meins", das
am 24.4.1975 die deutsche Botschaft in Stockholm
besetzte, um RAF-Gefangene zu befreien.
Bei der Erstürmung der Botschaft durch
die Polizei (auch eine deutsche Spezialeinheit
war dabei), wurde Siegfried Hausner lebensgefährlich
verletzt, gegen ärztlichen Rat in die
BRD ausgeflogen - und nicht in ein Krankenhaus
gebracht, sondern nach Stammheim. Er starb
dort am 5.5.1975.
14
Jürgen Ponto,Vorstandsvorsit-zender
der Dresdner Bank, sollte am 30.7.1977 entführt
werden. Durch seine massive Gegenwehr geriet
die Situation außer Kontrolle. Ponto
wurde erschossen.
15
"Furchtbar ist es, zu töten /
Aber nicht andere nur, auch uns töten
wir / wenn es nottut / da doch nur mit Gewalt
diese tötende Welt zu ändern ist
/ Wie jeder Lebende weiß" (Bertolt
Brecht, "Die Maßnahme",
1930)
16
Wolfgang Grams (geb. 1953), RAF-Mitglied
seit Mitte der 80er Jahre. Bei einer GSG-9-Aktion
in Bad Kleinen im Juni 1993 erschossen.
- Birgit Hogefeld (geb. 1956), ebenfalls
seit Mitte der 80er in der RAF, wurde in
Bad Kleinen verhaftet und 1996 zu Lebenslänglich
verurteilt, u.a. wegen der RAF-Aktion gegen
die US-Rhein-Main-Airbase. Inhaftiert in
der JVA Frankfurt-Preungesheim.
17
Kill-Fahndung gegen RAF-Aktivisten: Am 6.9.1978
wurde Willi Peter Stoll (geb.1950) in einem
Chinarestaurant in Düsseldorf, am 4.5.1978
Elisabeth von Dyck (geb. 1951) beim Betreten
einer Wohnung in Nürnberg erschossen;
beide waren allein und hatten ihre Waffe
nicht gezogen.- Rolf Heißler (geb.
1948) wurde am 9.6.1979 in Frankfurt/Main
ebenfalls beim Betreten einer Wohnung in
den Kopf geschossen und überlebte nur
knapp; auch er war allein und hatte seine
Waffe nicht in der Hand.
18
Horst Mahler (geb. 1936), gehörte zu
den ersten RAF-Angehörigen, wurde 1970
verhaftet und 1973 vom Kollektiv wegen politischer
Widersprüche aus der RAF ausgeschlossen.
Er wurde dann KPD(AO)-Mitglied, später
Neonazi und ist seit 2000 Mitglied der NPD.
- Peter-Jürgen Boock (geb. 1951), RAF-Mitglied
von 1976 bis 1980. (Siehe www.anderslautern.de
- Texte von RAF-Gefangenen, "Boocks
Lügen", 1988).
19
Ende der siebziger Jahre kam es zur freundschaftlichen
Trennung von zehn Aktivisten von der RAF,
1982 folgten zwei weitere. Für sie
wurde das Exil in der DDR organisiert, um
einer Verhaftung zu entgehen, die garantiert
zu Lebenslänglich-Urteilen geführt
hätte. Nach dem Anschluß der
DDR an die BRD wurden alle verhaftet, die
meisten stellten sich als Kronzeugen gegen
ihre ehemaligen Genossinnen und Genossen
sowie gegen Angehörige des DDR-Ministeriums
für Staatssicherheit (MfS) zur Verfügung,
was zu zahlreichen (neuen) Anklagen und
Verurteilungen führte.
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Peter Urbach war ab den sechziger Jahren
Mitarbeiter des Verfassungsschutzes (VS)
und als agent provocateur in der Studentenbewegung
eingesetzt, verteilte Molotowcocktails und
Waffen. - Klaus Steinmetz, Aktivist der
autonomen und antiimperialistischen Szene,
arbeitete seit Anfang der achtziger Jahre
für den VS und wurde gezielt eingesetzt,
um in Kontakt zur RAF zu kommen, was auch
gelang.
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