Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,
zuerst einmal möchte ich mich bei Euch Tübingern für die Stellungnahme ganz herzlich bedanken; sie sprach mir buchstäblich aus dem Herzen, nach diesen furchtbaren Erlebnissen und Beklemmungen dieses 1. Mais in Ulm.
Ich melde mich nun doch zu Wort, weil ich feststellen muss, dass die weiter unten z.T. zitierte Darstellung des DGB Ulm auf keinen Fall auf Tatsachenberichten der Demoteilnehmer beruhen kann, vielmehr den Erklärungen der Einsatzkräfte vor Ort zuzuschreiben ist und mir klar wurde, dass die meisten angereisten Kolleginnen und Kollegen für den Anfang gar keine Aussagen machen können, weil sie am Bahnhof festgehalten wurden. Wir, das sind vier VVN-BdA-Vertreter aus der Kreisvereinigung Sindelfingen-Böblingen-Leonberg, waren mit dem Auto angereist und kamen pünktlich beim Weinhof an, um uns in die Demo einzureihen. Als sich alles ziemlich schleppend am Weinhof in Bewegung setzte (von Umleitung keine Spur), wurde sichtbar und hörbar, dass in der Sattlergasse die Polizei in großer Anzahl zwischen die Demonstranten ging und eine Presche zu den so genannten "schwarz-gekleideten" schlug, diese brutal zur Seite knüppelte und durch ein doppeltes Polizeispalier von den übrigen Demo-Teilnehmern abtrennte. Für alle ersichtlich bedeutete dies eine Absonderung, Einkesselung und viele die dies als unakzeptabel empfanden, liefen zu den Abgetrennten; wir auch. Aber wir kamen nicht durch. Ein Polizist meinte zu mir: "Wenn sie hier durch gehen, dann sitzen sie fest." Diese Einkesselung war ersichtlich geplant. Wir rangelten noch einige Zeit mit der Polizei, die, als der Andrang ein bisschen heftiger wurde, sofort Tränengas einsetzte.
Wir waren furchtbar erbost, denn während wir gegen die Abtrennung mit der Polizei rangen, hatte sich der Demozug davon gemacht. Ich lief der Demo hinterher, um Verantwortliche auf den Zustand der Eingekesselten aufmerksam zu machen. Was ich dann des Öfteren zu hören bekam: "Die sind doch selber schuld". Besonders von Jusos musste ich mir üble Beschimpfungen gegen die Eingekesselten anhören.
Die folgenden Stunden verbrachten wir z.T. am Bahnhof, zum Teil an den Stellen, an denen die Polizei den Faschos die Straßen durch die Innenstadt freiknüppelte. Den Einsatz der Pferde dabei hatte ich noch nie derart brutal erlebt: Sie ließen die Pferde direkt auf junge Leute zugallopieren, Verwundete und mehr in Kauf nehmend.
Drei Male musste ich die Nummer des Ermittlungsausschusses betätigen, weil Minderjährige schikanös von der Polizei festgehalten und in Handschellen abgeführt wurden.
Als wir rein zufällig gegen 15:30 Uhr vom Münsterplatz zur Sattlergasse kamen, traute ich meinen Augen nicht: nach Stunden in der heißen Sonne und in der Luft Tränengasgemisch wurden die Eingekesselten noch immer festgehalten. Abgesperrt wurde die Straße durch völlig hysterische Polizeihunde, die bellten und an den Ketten der Hundeführer rissen. Man sah von Weitem noch immer Übergriffe der Polizei auf diese jungen wehrlosen Leute; die Übergriffe müssen derart heftig gewesen sein, denn in den wenigen Minuten, die ich dort betroffen da stand, fuhren mindestens fünf Krankenwagen vor.
Nebenan am Münsterplatz schien uns, als kämen wir aus einer anderen Welt. Dort wurde gefeiert und geschunkelt, es war so richtig heile Welt. Wir eilten zum Podium, um bei Konstantin Wecker, der dort gerade sang, zu erwirken, dass er eine Durchsage mache. Der anderslautende Text von K.Wecker war dann: "400 Leute, die heute angereist sind, sitzen da drüben. Lasst sie doch freiiii!!"
Unserer Meinung nach (ganz anderslautend als das was der DGB sagt) - wie ja auch in anderen Städten gelungen - hätte der Naziaufmarsch locker verhindert werden können, wenn sich alle am Bahnhof versammelt hätten.
So wurden die Faschos nur ermutigt und ich wünsche Ulm nicht, was in anderen Orten dann zur Routineübung geworden ist, nämlich immer wiederkehrende Aufmärsche.
Das ständige beteuern der Gewaltlosigkeit bringt uns doch keinen Schritt weiter. Wie man sieht ermuntert dies doch nur Kräfte aus dem rechten Lager, noch toller auf Demokraten und Antifaschisten einzuschlagen, wie die jüngsten Angriffe der CDU zeigen.
B. Renkl
Kreisvorsitzende der VVN-BdA Leo-Sifi-BB, Mitglied der GEW, IGM, 61 Jahre