Home Kontakt Links    

 

 
Organisierung
 

Den Revolutionären Aufbau organisieren!
[Revolutionäre Aktion Stuttgart, Mai 2010]

Wie wir uns organisieren, uns zusammenschließen um unsere Theorie und Praxis kollektiv, verbindlich und kontinuierlich zu entwickeln ist eine der zentralen Fragen für die Revolutionäre Linke. Wer kann schon ernsthaft behaupten, nicht durch Organisierung, sondern durch spontane oder vereinzelte Aktivitäten ließe sich wirklich viel erreichen? Erst die vielfältigen Organisierungen können unserem Handeln Stärke und Effektivität verleihen: In den Gewerkschaften, um an der Arbeitsstelle nicht allein den Angriffen des Managements ausgesetzt zu sein, in Erwerbsloseninitiativen, um mit anderen Betroffenen gemeinsam zu versuchen die eigene Situation zu verbessern, in antifaschistischen Gruppen um die Nazis zurück zu drängen, an der Schule oder der Uni, um dort gegen weitere Umstrukturierungen auf Kosten der Bildung und für selbstbestimmtes Lernen ohne Leistungsdruck aktiv zu sein oder in selbstverwalteten Sozialen Zentren und Jugendhäusern, um Freiräume und eine Infrastruktur für politische Aktivitäten zu schaffen.
Trotz aller Probleme und Beschränktheit der möglichen Erfolge innerhalb des Kapitalismus, die auch mit den Organisierungen nicht einfach aufgehoben werden können, ohne Organisierungen ist eine revolutionäre Perspektive nicht vorstellbar.

Die Organisierungsfrage ist jedoch keine rein pragmatische, sondern eine prinzipielle. Gerade im Hinblick auf die Überwindung der kapitalistischen Verhältnisse, geht es um mehr als um das Gewinnen einzelner Kämpfe: Organisierung bedeutet auch der Individualisierung, dem Egoismus und dem Konkurrenzdenken entgegenzuwirken. Sie greift die Tendenz, die dem Kapitalismus innewohnt und seine Überwindung ermöglicht auf: die Vereinigung der großen Masse der Bevölkerung gegen die Klasse, die von Ausbeutung und Unterdrückung profitiert. Unsere heutigen Zusammenschlüsse sind die Grundlage, um zukünftig sämtliche gesellschaftlichen Strukturen selbstbestimmt, kollektiv und solidarisch zu regeln und so profitorientierte Unternehmen und den bürgerlichen Staat zu ersetzen.

Organisierung kann und soll Spontanität und eigenständiges Handeln bei all dem nicht ersetzen. Aufbau, Stärkung und Verankerung jeder Organisierung sind vielmehr auf die Dialektik von Organisation und Eigeninitiative, von Kontinuität und Spontanität, von klarer Positionierung und Revidierung überholter Positionen angewiesen.
Wer die Organisierung zugunsten von spontanen Aktionen oder beliebigen oder kurzzeitigen Zusammenschlüssen in Frage stellt, trägt faktisch zu einer Selbstentwaffnung bei – einige Teile der noch übriggebliebenen autonomen und anarchistischen Szene liefern hierfür Beispiele. Wer wiederum Organisierung anstelle von Eigeninitiative stellt, wer direkt oder indirekt Stellvertreterpolitik predigt – eine in den Gewerkschaften ebenso wie in einigen linken Parteistrukturen verbreitete Position – macht die Organisierung eher zum Hindernis als zur Waffe im Kampf für eine befreite Gesellschaftsordnung.


Organisierung und revolutionäre Organisation

Ebenso wie in den verschiedenen Teilbereichen verhält es sich mit dem Ziel der Überwindung des ganzen kapitalistischen Systems, der Abschaffung des bürgerlichen Staates und der Entmachtung der Kapitalistenklasse. Bei diesem Ziel, geht es nicht lediglich um einen Abwehrkampf, sondern auch – und dies stellt eine noch größere Herausforderung dar – darum, eine Alternative zu entwickeln: eine gesellschaftliche Ordnung, in der die Möglichkeit zur Partizipation für alle sichergestellt ist, die Produktion gemeinsam und zum Wohle aller organisiert wird und nicht zuletzt auch Versuche wieder die alten oder neue Ausbeutungs- und Unterdrückungsmechanismen herzustellen, verhindert werden. Hierfür reichen dezentrale Strukturen nicht aus. Wie auch in den einzelnen Teilbereichen, ist für dieses Ziel eine eigene Organisation notwendig: eine politische Kampforganisation, die staatlicher Repression standhält, sich nicht mit der Verwaltung des Kapitalismus beschäftigt, sondern an seiner Überwindung arbeitet, die revolutionäre Theorie und Praxis langfristig und kontinuierlich entwickelt, sich nicht in tagespolitischen Kämpfen abarbeitet, sondern deren Dynamiken für den revolutionären Prozess nutzt, Bildung und Information gewährleistet. Sie kann und darf die verschiedenen anderen Organisierungen dabei nicht ersetzen, sondern muss in einem dialektischen, sich ergänzenden Verhältnis zu ihnen stehen und die Selbstorganisierungen in den verschiedenen Bereichen ermöglichen und unterstützen.

Diese revolutionäre kommunistische Organisation, die hier ihren Teil zum weltweiten Kampf zur Überwindung des Kapitalismus und zum Aufbau einer befreiten Gesellschaftsordnung beiträgt kann nicht ersetzt werden. Das Ignorieren oder Leugnen dieser Tatsache, sei es zugunsten von aktionistischen Zusammenhängen, Bewegungen, Vernetzungen, Teilbereichsstrukturen oder anderen rein dezentralen Konzepten hat die revolutionäre Linke hier über Jahre geschwächt: die unzähligen, kaum über mehrere Jahre existenten, kaum etwas hinterlassenden Gruppen haben hier und dort vielleicht für eine gewisse Zeit Erfolge erzielt, für einen wirklichen revolutionären Prozess war ihr Beitrag zwangsläufig äußerst beschränkt.
Es gilt sich jedoch auch von denen abzugrenzen, die ein schematisches oder dogmatisches Konzept zum Aufbau einer revolutionären kommunistischen Organisation verfolgten und verfolgen. Die notwendige Organisation wird nicht am Schreibtisch und nicht auf Sitzungen, sie wird nicht einfach in Abgrenzung zu anderen Ansätzen oder in ständigen Aufrufen sich dieser oder jener Struktur anzuschließen geschaffen und kann auch nicht als Kopie früherer Konzepte Bestand haben.
Sie kann nur durch die eigene revolutionäre Theorie und Praxis geschaffen werden, durch das klare Ziel vor Augen, die Verankerung in den jetzigen realen Verhältnissen und die stetige theoretische und praktische Entwicklung.

Ein Organisationsmodell wie wir es für notwendig halten, muss in der BRD erst geschaffen werden. Es kann auf einer Fülle an Erfahrungen, die in den letzten Jahren und Jahrzehnten gemacht wurden, aufbauen und an den Organisierungsmodellen ansetzen, die in den letzten Monaten und Jahren in einigen Städten entstanden sind. So beschränkt alle diese Ansätze – uns eingeschlossen – auch noch sind, so gibt es doch Gemeinsamkeiten, die die Tendenz einer Strömung, die zum gemeinsamen Aufbau einer Organisation beitragen kann, erkennen lassen. Einige der zentralen Punkte an denen wir uns dabei orientieren, lassen sich folgendermaßen zusammenfassen:
- ein proletarischer Klassenstandpunkt als Grundlage und damit erst die Möglichkeit einer revolutionären Politik, die den Klassenwiderspruch als den Antagonismus im Kapitalismus, der zu seiner Überwindung führen kann, erkennt und aufgreift.
- eine kontinuierliche revolutionäre Praxis in Form von Kampagnen, Mobilisierungen und anderen greifbaren Aktivitäten, anhand deren die eigene Theorie überprüft, neue Erfahrungen gewonnen, bewusste MitstreiterInnen gefunden und dem Opportunismus entgegengewirkt werden kann.
- der Aufbau der eigenen Organisation durch Bildungsarbeit, sowie die Anpassung der Struktur an sich verändernde Möglichkeiten und Notwendigkeiten und nicht das Beschränken auf einen rein aktionistischen Zusammenschluss.
- einen revolutionären Anspruch, der einzelne Tagesforderungen oder Etappensiege nicht ausschließt, aber dafür sorgt, dass das Ziel der Überwindung des Kapitalismus nicht für die Tagespolitik aufgegeben wird.
- ein Verständnis dafür, dass eine revolutionäre Veränderung nicht die Sache einer einzigen Strömung oder Organisation ist, dass einzelne Differenzen innerhalb der Linken durch Diskussionen zu lösen sind und einer Zusammenarbeit dort wo sie angebracht ist nicht im Wege stehen dürfen; dass Sektierertum und Grabenkämpfe einzig der Gegenseite nutzen und Solidarität eine der wichtigsten Komponenten in unserem Kampf ist.


Für einen revolutionären Aufbauprozess

Am 1. Mai rufen wir dazu auf, aktiv zu werden, im politischen Widerstand gegen Aufrüstung, Repression und Faschismus und im Klassenkampf gegen die Angriffe von Staat und Kapital. Wir rufen aber auch dazu auf, nicht bei Aktivitäten stehen zu bleiben, sondern fortschrittliche, linke und revolutionäre Strukturen zu stärken, aufzubauen und zu unterstützen. Debatten und eine politische Praxis sind kollektiv zu führen und zu organisieren, Aktionen und Mobilisierungen nachzubereiten, aus Fehlern zu lernen und auf den gemachten Erfahrungen aufzubauen. All das geht nicht vereinzelt. In allen Bereichen gilt es daher Strukturen des Klassenkampfes, des politischen Widerstandes und selbstverwaltete Freiräume zu organisieren.
Es gilt letztlich aber auch, sich nicht auf Strukturen in einzelnen Bereichen zu beschränken, sondern sie als Teil eines umfassenden revolutionären Aufbauprozesses zu verstehen. Es gilt kontinuierlich den Aufbau einer revolutionären kommunistischen Organisation zu diskutieren, vorzubereiten und zu entwickeln.



Home zurück nach oben