Rede
der Revolutionären Aktion Stuttgart am
01. Mai 2005
Im vergangenen Jahr gab es hierzulande eine
Vielzahl sozialer Proteste. Massendemonstrationen
gegen Sozialabbau und die Agenda 2010, Montagsdemos
gegen Hartz und zahlreiche Streiks mobilisierten
zehn Tausende Menschen. Fester Bestandteil
dieser Proteste waren wie vielerorts auch
in Stuttgart ausdrücklich klassenkämpferische
Mobilisierungen, die unter anderem mit Nachdemonstrationen,
eigenen Blöcken und Aktionen auftraten.
Dies ist mehr als notwendig. Denn das inzwischen
schier spurlose Verschwinden der genannten
Protestbewegungen zeigt offensichtlich, dass
es ihnen vor allem an einem fehlt: an Perspektiven.
Dies ist kaum verwunderlich; Jahrzehnte der
Propaganda vom Kapitalismus mit menschlichem
Antlitz und die massiven Befriedungsbemühungen
der Gewerkschaftsspitzen hinterlassen ihre
Spuren. Trotz der Massenaktionen überlagern
nach wie vor unmittelbare Existenzängste
und Alltagssorgen, Konkurrenzdenken und individuelle
Lösungsversuche ein gemeinsames Klassenbewusstein
und kollektives Handeln.
Die Massenproteste im letzten Jahr ermöglichten
an einzelnen Punkten einen Schritt nach vorne
zu gehen; sie führten vielen Menschen
vor Augen, dass sie sich in einer gemeinsamen
Situation befinden. Einzelne Streiks machten
Schritte zur Eroberung selbstbestimmter Kampfmittel,
wie etwa der Blockade einer Bundesstrasse
bei Stuttgart usw. Deshalb begrüssen
wir die Mobilisierungen und sehen die Aufgabe
aller Revolutionärinnen und Revolutionäre
darin, sie mit allen Mitteln voranzutreiben.
Wer von den Protesten eine spontane Radikalisierung
vieler Menschen erwartete musste aber genauso
enttäuscht werden wie derjenige, der
sich ein Zurückschlagen der Reformen
von ihnen erhoffte. Ein klassenkämpferisches
Bewusstsein kann sich nur in einem längerfristigen
praktischen Lernprozess bilden. Dieser Lernprozess
setzt voraus, dass verschiedene soziale Proteste
zueinander finden und ihre Ziele und Mittel
selbst bestimmen.
Wie
kein anderer Tag steht der 1.Mai für
die Kontinuität dieses Unterfangens.
Er steht für uns symbolisch für
einen selbstbestimmten Kampftag, an dem
wir ohne konkreten Anlass von aussen unsere
Perspektiven auf die Strasse tragen.
Diese Perspektiven reichen natürlich
über Tagesforderungen und kämpferische
Streiks hinaus. Sie erschöpfen sich
nicht in Phrasen von sozialer Gerechtigkeit
und zielen nicht auf das unrealisierbare
Projekt eines menschlichen Kapitalismus.
Vielmehr geht es uns konkret um die Abschaffung
des profitorientierten Ausbeutungsbetriebes
und um eine fundamentale Veränderung
der gesellschaftlichen Verhältnisse.
Wir dürfen uns diesbezüglich nicht
täuschen lassen: die Propagierung einer
revolutionären Gesellschaftsänderung
ist nicht trotz, sondern gerade in scheinbar
schwierigen Zeiten unsere Aufgabe. Je entschlossener
wir diese Aufgabe angehen und je lebendiger
unsere Kämpfe werden, desto offensichtlicher
wird dies längerfristig werden.
Weltweit
sind gegenwärtig zahlreiche und äusserst
unterschiedliche Organisierungen zu beobachten.
Diese sind so vielfältig wie die objektiven
Bedingungen, in denen sie sich organisieren.
Vom erfolgreichen Guerillakampf in Nepal
zu Selbstorganisierungen in den Armenvierteln
Südamerikas, von militanten Massenstreiks
in Spanien zu Reorganisierungsversuchen
der kommunistischen Bewegung in Italien;
all diese Entwicklungen haben eines gemeinsam:
sie zeigen, dass es eine praktische organisatorische
Alternative zum "friss oder stirb"
der bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse
gibt.
Die
Geschichte, die uns in den Schulbüchern
und Medien von den Herrschenden täglich
vorgesetzt wird ist nicht unsere Geschichte.
Dort wird aktuell nicht nur die Befreiung
vom Nazifaschismus mit seinen Massenvernichtungslagern
zu einer nationalen Tragödie umstilisiert.
Dort wird auch der Teil der Geschichte verschwiegen,
der uns zeigt, dass es nicht immer so war
wie es ist und dass es an uns liegt, dass
es anders wird. Vor weniger als 90 Jahren,
im November 1918 wehte während der
Novemberrevolution auch über Stuttgart
die Rote Flagge, gehisst vom Stuttgarter
Arbeiter- und Soldatenrat, getragen von
den Tausenden Demonstranten, die aus allen
möglichen Fabriken und Werkstätten
Stuttgarts zusammengekommen waren. Dass
die Revolution geschwächt vom Krieg
und inneren Widersprüchen im Kugelhagel
rechter Truppen fiel ist eine Tatsache aus
der wir lernen müssen; genauso wie
wir aus jedem bisher gemachten revolutionären
Versuch lernen müssen.
Der
revolutionäre 1.Mai steht für
die Kontinuität einer Position, die
die Existenz einer Gesellschaftsordnung
nicht akzeptiert, die für die absolute
Mehrheit der Weltbevölkerung für
Krieg und Ausbeutung steht, einer Profitmaschinerie,
die in ihrer heutigen Dimension die Existenz
des Menschen selbst gefährdet. Dabei
geht es nicht um die ritualisierte Wiederholung
linker Allgemeinplätze, sondern um
das konkrete Aufzeigen einer gesellschaftlichen
Alternative.
Denn wie Brecht auf unserem Mobilisierungsplakat
sagt:
Wer seine Lage erkannt hat, wie soll der
aufzuhalten sein?
Denn die Besiegten von heute sind die Sieger
von morgen
Und aus niemals wird: Heute noch!
Deshalb:
Weiter im Klassenkampf gegen Sozialabbau
und Ausbeutung!
Für die Revolution!