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Flugblatt zum Studiengebühren-Gesetz
 

Wie weiter nach der Verabschiedung des Studiengebühren-Gesetzes?

In vielen Städten fanden in den letzten Monaten größere und kleinere Protestaktionen gegen die Einführung von Studiengebühren statt. Insgesamt beteiligten sich immerhin mehrere zehntausend Menschen daran. Letztlich waren es aber wohl nicht genug, um die Verabschiedung des Gesetzes wirklich zu verhindern. Am Donnerstag, den 15.12. soll das Studiengebühren-Gesetz nach Niedersachsen nun auch in Baden-Württemberg den Landtag passieren.

Alle, für die die Bewegung gegen Studiengebühren nicht die erste Bewegung war, sie vielleicht schon Teil der Anti-Kriegsbewegung oder der Proteste gegen Hartz IV waren, können wohl schon erahnen, wie es nun aller Wahrscheinlichkeit nach - leider - weitergeht:
Eine Bewegung, die auf ein konkretes Ziel, zunächst ohne weitergehende Perspektiven spezialisiert ist, löst sich in der Regel im Nichts auf, sobald klar ist, dass dieses Ziel nicht erreicht wird. Sobald das Studiengebühren-Gesetz verabschiedet ist, werden demnach zunächst die wenigsten die Proteste mit der Hoffnung weiterführen, dass das Gesetz wieder zurückgenommen wird. Einem ähnlichen Schicksal erlagen nicht nur die Protest-Bewegungen der letzten Jahre, die Perspektivlosigkeit hat schon so weit um sich gegriffen, dass sich viele von vorneherein gar nicht erst an Protest-Aktionen beteiligen - obwohl sie wissen müssten, dass dies prinzipiell in ihrem ureigensten Interesse läge.

Es war aber von vornherein klar, dass um die Herren und Damen im Landtag dazu zu bringen, das Gesetz nicht zu verabschieden, wesentlich massiverer Protest und Widerstand notwendig gewesen wäre. Um die Studiengebühren jetzt real noch verhindern zu können, haben wir aber noch andere Möglichkeiten, die letztlich sogar einfacher umzusetzen sind, als diejenigen die das Gesetz beschließen werden, von unseren Argumenten zu überzeugen.

 

Theorie, Praxis, Perspektive

Die Anlässe für Proteste nehmen immer weiter zu - Umstrukturierungen im Gesundheits- und im Bildungswesen, Angriffe auf Arbeitsbedingungen und Löhne, Kürzungen bei sozialen Leistungen usw. Die Proteste dagegen entwickeln sich bisher aber noch nicht dementsprechend, sondern bleiben bisher zeitlich, sowie was ihre Intensität und auch ihre Erfolge anbelangt, immer noch recht beschränkt. Dies ist sicher kein Zufall.
Wer an dieser Situation etwas ändern will, muss analysieren und verstehen worin die Ursachen dieses Umstandes liegen. Dieses Flugblatt stellt einen Versuch dar, einen kleinen Teil zur Analyse der aktuellen Situation in ihrer Entwicklung beizutragen und Perspektiven zu entwickeln - Perspektiven, die noch wesentlich weiter gehen als nur das Studieren ohne Gebühren.

Obwohl von nahezu allen Seiten zu hören ist, dass der Kapitalismus (alias Soziale Marktwirtschaft) das "Ende der Geschichte" ist, wird zumindest nicht geleugnet, dass er sich stetig entwickelt und immer wieder Anpassungen notwendig werden. Auch in der aktuellen Situation finden verschiedene Einschnitte in Form von Reformen und Gesetzesänderungen nicht deswegen statt, weil dadurch eine unmittelbare Verbesserung für viele erreicht wird, sondern weil "Sachzwänge" wie die internationale Konkurrenz, Absatzschwierigkeiten, drohende Wirtschaftsflaute, Erhaltung von Arbeitsplätzen etc. dies notwendig machen. Dass die Umsetzungen dieser "Sachzwänge" keinen Zick-Zack Kurs nehmen, sondern in eine bestimmte Richtung gehen ist offensichtlich. Diese Richtung sind die Kapital-Interessen, also die Erhöhung der Profite - zum einen durch weniger Ausgaben für Löhne, Sozialabgaben etc., zum anderen durch die Öffnung sämtlicher gesellschaftlicher Bereiche, wie aktuell das Bildungs- und Gesundheitswesen, nach Verwertungsinteressen (dazu kommt außerdem die militärische Aneignung von Rohstoffen, Märkten etc.). Natürlich geht dies alles nur auf Kosten derjenigen, die kein Kapital besitzen, ArbeiterInnen, Arbeitslose, Studierende, SchülerInnen, RentnerInnen usw.

Das Neue an dieser Entwicklung ist, dass sie immer schneller voranschreitet und dass sie auch in den Industrienationen zunehmend konfrontativ durchgesetzt wird. Armut, Verschärfung der Ausbeutung usw. werden also nicht mehr nur in andere Länder "exportiert", sondern nehmen auch hier zu. Etwas konkreter: Die "Sachzwänge" des Kapitalismus haben schon immer für den größten Teil der Menschen diese Folgen mit sich gebracht. Sie wurden von den Unternehmen der Industrienationen aber ökonomisch durch Billiglohn-Fabriken und politisch durch die Installation und Unterstützung von Diktaturen nach Asien, Lateinamerika und Afrika "exportiert". In den Industrienationen selbst, wurde in der Regel weitgehend versucht ein "ruhiges Hinterland" zu wahren. Die Bevölkerung hier wurde über Jahrzehnte mit materiellen Zugeständnissen, recht hohen Löhnen, ausreichender Gesundheitsvorsorge und sozialer Absicherung usw. zumindest soweit befriedet, dass sich Protest- und Widerstandsbewegungen nicht zu unkontrollierbaren Risiken entwickelten.
In der BRD waren daher nicht zufällig die Forderungen und Kämpfe, sei es um Lohnerhöhungen, Verkürzungen der Arbeitszeiten, Reformen an den Schulen und Universitäten etc. von vornherein auf Kompromisse und zumindest teilweise Zugeständnisse angelegt. Dementsprechend fanden kämpferische Auseinandersetzungen, Massenstreiks, Besetzungen von Fabriken und Universitäten etc. praktisch nicht statt.

Dass diese Entwicklung zu Ende geht und hier die massivsten Angriffe seit Jahrzehnten auf die Lebenssituation eines Großteils der Bevölkerung stattfinden, hat verschiedene Gründe. Ein Grund mag sein, dass mit dem Zusammenbruch der Ostblock-Staaten, die System-Konkurrenz mit den "staatskapitalistischen" Ländern wegfiel, sich die Verhältnisse hier also nicht länger mit diesen messen müssen, weil sie ohnehin als scheinbar alternativlos dastehen. Ein weiterer Grund mag die Schwäche der sozialen Bewegungen sein, die all den Verschärfungen momentan kaum wirklichen Widerstand entgegenzusetzen haben.
Der entscheidende Grund für die Entwicklung liegt jedoch eben in den notwendigen Anpassungen an die kapitalistischen Sachzwänge. Tatsächlich befindet sich jedes Unternehmen, ebenso jeder Staat in einem stetigen Konkurrenzkampf. Wer seine Profite nicht erhöht, bzw. keine guten Verwertungsmöglichkeiten liefert kommt zwangsläufig unter die Räder. Die Wirtschaftsinteressen haben unter einer kapitalistischen Produktionsweise zwangsläufig vorrang. Dass der Konkurrenzdruck nicht irgendwann stagniert, sondern sich im Gegenteil immer weiter steigert, liegt in der Natur der Sache. Die aktuelle Situation, in der von Studierenden, ArbeiterInnen und Arbeitslosen noch mehr abgepresst werden soll, bzw. die Ausgaben für sie sinken sollen, ist die Folge dieser Entwicklung. Dass dies alles ungebremst weitergehen soll, wird auch von den Verantwortlichen gar nicht groß geleugnet.

 

Was tun? Was tun!

Sicher sind Demonstrationen nicht das letzte Mittel um unsere Proteste zum Erfolg zu führen. Demonstration haben das Ziel unsere Inhalte nach außen zu vermitteln und uns selbst Motivation zu geben und uns vor Augen zu führen wie viele wir sind. Nicht zuletzt die aktuellen Erfahrungen machen eines deutlich: Die Zeiten in denen Demonstrationen und kleinere Proteste ausreichten um auch nur halbwegs relevante Zugeständnisse zu bewirken, sind vorbei. Diese Erkenntnis, die wie oben geschrieben, momentan noch in erster Linie zu Frustration und einem Zurückgehen des Engagements führt, zeigt uns tatsächlich, dass mehr notwendig ist. Ob die Besetzungen und Streiks der letzten Monate an vielen Schulen in Italien und Spanien oder die Erfahrungen der Betriebskämpfe in unzähligen Ländern, sie weisen uns die Richtung die auch wir gehen müssen wenn wir etwas erreichen wollen. Gerade die Erkenntnis, dass es nicht am guten oder schlechten Willen einzelner Mächtiger liegt, welche Gesetze verabschiedet werden, bedeutet dass wir nicht nur Proteste sondern den Widerstand organisieren müssen. Es bedeutet, dass es nicht darum geht darum zu bitten, dass die Möglichkeit zur Bildung nicht für viele weiter eingeschränkt und für viele andere mit noch mehr Stress verbunden wird, sondern dass wir darum kämpfen!
Konkret sind die Studiengebühren noch längst nicht eingeführt, wenn das Gesetz beschlossen ist. Z.B. würde ein Streik und Besetzungen an Schulen und Unis ab dem Tag an dem sie zu zahlen sind, ganz andere Auswirkungen haben als symbolische Aktionen und Demonstrationen. Solche oder ähnliche Aktionen gilt es aber zu organisieren und nicht nur darauf zu hoffen, dass sich jemand anderes darum kümmert. Wir müssen Strukturen organisieren, die uns eine inhaltliche und praktische Entwicklung ermöglichen, Strukturen mit denen wir ernsthaften Widerstand leisten können.

 

Geschichte wird gemacht!

Doch warum bei den Studiengebühren stehen bleiben? Haben wir an den Unis nicht noch genügend andere Einschnitte hinnehmen müssen gegen die es zu kämpfen gilt? Gibt es nicht die Notwendigkeit dagegen zu kämpfen, dass nur die wenigsten Menschen unterhalb des Mittelstandes es überhaupt bis an die Uni schaffen, dass das Studieren immer stressiger und immer mehr nach den Interessen der Wirtschaft gestaltet wurde, dass in vielen Städten Fakultäten geschlossen wurden? Warum auch nur bei der Situation an den Universitäten stehen bleiben, sind sie nicht ohnehin nur ein Teil einer allgemeinen Entwicklung, sind wir nach dem Studium nicht betroffen von der drohenden Arbeitslosigkeit und immer schlechter bezahlten Jobs unter immer mieseren Bedingungen?
Genauso wie Bewegungen meistens zugrunde gehen wenn ihr Ziel nicht erreicht wird, können sie auch eine kaum vorstellbare Entwicklung nehmen wenn sie voran kommen.

Es ist mehr als offensichtlich, dass die Verhältnisse die momentan für die meisten immer weitere Einschnitte bedeuten eigentlich das Gegenteil bedeuten könnten. Die Entwicklung des technischen Fortschritts und des Wissens muss dazu dienen, allen Menschen ein Leben nach ihren Bedürfnissen und Fähigkeiten zu ermöglichen - Verhältnisse die diese Entwicklung zunehmend hemmen und in Destruktivität umwandeln schreien nach ihrer Abschaffung. Genau so wie versucht wird, die Krisensymptome des Kapitalismus auf uns abzuwälzen, wird uns jeden Tag aufs neue die Möglichkeit geliefert eine befreite Gesellschaft, die nicht auf Konkurrenz und Profit, sondern auf Solidarität aufbaut, zu verwirklichen.
Die gemeinsamen Kämpfe, die gegen die Verschärfungen zu organisieren sind, müssen als Teil einer Entwicklung begriffen werden, die zu mehr führen muss als nur zur Verhinderung noch weiterer Verschlechterungen. Wenn wir darin unsere Interessen selbst vertreten ist dies Weg und Ziel zugleich. Was hindert die Mehrheit der Gesellschaft schließlich daran, einer Minderheit die sie verwaltet, verplant, ausbeutet und unterdrückt das Ruder aus der Hand zu nehmen? Unsere Perspektive kann nur sein, eine Produktionsweise und Gesellschaftsordnung zu verwirklichen, die tatsächlich von der Gesellschaft nach ihren Bedürfnissen organisiert und kontrolliert wird. Einer Welt in der die Grundlage der kapitalistischen Produktionsweise, der Privatbesitz an Produktionsmitteln abgeschafft ist. Eine Welt in der das Interesse des/der Einzelnen nicht im Widerspruch zum Interesse der Allgemeinheit steht, da der längst vorhandene bzw. ohne weiteres zu realisierende gesellschaftliche Reichtum allen zur Verfügung gestellt - und von allen weiterentwickelt wird. Eine Welt in der dass kapitalistische Chaos der Produktion und Verteilung aufhört und an seine Stelle die Organisierung aller Aufgaben nach dem Interesse aller ausgerichtet ist. Eine Welt in der mit dem Ende des Kampfes der Klassen auch der Kampf der Nationen gegeneinander aufhört.

Um zu verdeutlichen, dass der Kampf für eine andere Gesellschaftsordnung nicht die Sache irgendwelcher verstaubter Betonköpfe oder weltfremder Utopisten ist, möchten wir zum Schluss dieses Flugblattes - im Einstein-Jahr - Albert Einstein zitieren:
Ich bin überzeugt, um diesen schweren Missständen abzuhelfen, gibt es nur ein Mittel - nämlich die Errichtung einer sozialistischen Wirtschaft mit einem Erziehungssystem, dass auf soziale Ziele abgestellt ist. In einer solchen Wirtschaft gehören dann die Produktionsmittel der Gemeinschaft, die sie nach einem bestimmten Plan benutzt. Man würde in einer solchen Planwirtschaft die Produktion den Bedürfnissen der Gemeinschaft anpassen, die zu leistende Arbeit unter die Arbeitsfähigen verteilen und jedem, Mann, Frau und Kind den Lebensunterhalt garantieren.


In diesem Sinne:
Nicht betteln, nicht bitten - nur mutig gestritten!


Rote Hochschulgruppe
Stuttgart und Region
Kontakt: rhsg@gmx.de

 

Veranstaltungen der Roten Hochschulgruppe:

Filmvorführung:
Der 4. Weltkrieg
am Mittwoch, den 21.12.2005 um 18 Uhr im Foyer des K2, Uni-Stadtmitte, Stuttgart

Diskussionsveranstaltung:
Zur Perspektive des Widerstandes - mit dem "Tortenwerfer" aus Tübingen
am Mittwoch, 18.01.2006 - Achtet auf weitere Ankündigungen!

 

 

Flugblatt als PDF >>>



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