NACH DEN WAHLEN
Nachdem wir uns in den letzten Wochen den
Kopf darüber zerbrechen mussten, wohin
wir am 18. September unser Kreuz machen
- ungültig Wählen, die MLPD als
Stimme gegen den Kapitalismus oder die Linkspartei
als kleinstes Übel im Parlament - geht
es den Herrschenden nun nicht viel besser.
Trotz ihren Gemeinsamkeiten sind sie sich
immer noch unklar darüber, wer mit
wem in den nächsten 4 Jahren die Regierung
bilden soll.
Dabei ist für uns klar, dass die momentane
Politik weitergehen wird - egal welche Konstellation
sie sich nun diesmal aussuchen.
Nach der Diskussionsveranstaltung mit etwa
35 BesucherInnen am 14.09. zu den Wahlen,
soll die gemeinsame Diskussion nun fortgeführt
werden. Die Initiative für einen
revolutionären 1. Mai in Stuttgart
lädt daher zu einem offenen Treffen
ein. Auf dem Treffen soll sowohl die Situation
mit einer neuen Regierung, als auch die
nächsten Aktivitäten gegen die
herrschende Politik Thema sein.
Kommt zum Treffen
am Mittwoch, 28.09. um 19 Uhr im BAZ 110,
Ludwigstrasse 110a, Stuttgart West
Text
des Flugblattes der Initiative für
einen revolutionären 1. Mai in Stuttgart
zu den Wahlen >>>
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Text
der Revolutionären Aktion Stuttgart
zu den Wahlen:
Wir haben die Wahl
Am 18. September ist es soweit: Wir dürfen
entscheiden wer uns in den nächsten
4 Jahren regiert. Doch so sicher davon auszugehen
ist, dass die Unzufriedenheit eines Großteils
der Bevölkerung mal wieder zu einem
Regierungswechsel führt, so sicher
ist auch dass dieser nichts grundlegend
ändern wird. Darüber sind sich
wohl auch die meisten bewusst.
Kurz zusammengefasst stellt sich die aktuelle
Situation vor den kommenden Wahlen im groben
so dar: Die Symptome der momentanen Politik
führten und führen bei einem wachsenden
Teil der Bevölkerung zu Unverständnis
und Wut gegen die Regierenden. Auch viele
derjenigen, die noch nicht direkt von den
Einschnitten im Gesundheitswesen und bei
der Rente, der Kürzung sozialer Absicherungen,
der Verschärfung der Arbeitsbedingungen
oder einer der zahlreichen anderen Folgen
der Politik in den letzten Jahren betroffen
sind, ahnen zumindest, dass es früher
oder später auch sie erwischen wird.
Wirklich zufrieden mit der aktuellen Situation
sind letztlich die wenigsten. Die einen
wählen daher nun "Opposition",
ob sie den dumpfen Phrasen der CDU/CSU,
dass "Deutschland den Wechsel"
hin zu einer noch mehr nach Kapital-Interessen
gerichteten Politik braucht, nun wirklich
Glauben schenken oder nicht. Ihre Stimme
verstehen viele von ihnen so wohl eher als
eine Stimme gegen die Regierung als für
Merkel und Co. Viele derjenigen die zumindest
erkennen, dass sie die Leidtragenden der
Politik einer CDU/FDP Regierung sein werden
und diese praktisch nur der Kapitalistenklasse
nutzen wird, denken dass sie mit ihrer Stimme
für SPD oder Grüne zumindest das
Schlimmste verhindern können. Ein weiterer
Teil, der auch die Politik der momentanen
Regierung als endgültig nicht mehr
hinnehmbar erkannt hat, wählt mit der
Linkspartei eine immerhin etwas sozialere
Variante der SPD. Vermutlich wieder etwa
30% oder mehr der Wahlberechtigten sieht
schon gar keinen Grund mehr sich an dem
Wahltheater überhaupt zu beteiligen
und bleibt am 18. September zu Hause oder
wählt ungültig.
Von den rückschrittlichsten und verblendetsten,
denen die, ob aus "Protest" oder
anderen nicht nachvollziehbaren Gründen
eine der rechtsextremen Parteien wählen,
wollen wir an dieser Stelle schweigen.
Das unterschiedliche Wahlverhalten und
die subjektiven und oft beliebigen Gründe
hierfür, können aber nicht über
die Gemeinsamkeit der meisten hinwegtäuschen
- die Unzufriedenheit mit der herrschenden
Politik. Die Streiks und Proteste in den
letzten Jahren, bei Daimler, Opel und vielen
anderen Unternehmen, die Großdemonstrationen
am 3. April letzten Jahres unter dem Motto
"Jetzt reicht`s!" mit 500 000
TeilnehmerInnen, die Hunderttausenden die
sich über Wochen hinweg an den Montagsdemonstrationen
beteiligten und all die anderen kleineren
Demonstrationen und Protestaktionen ließen
diese Unzufriedenheit vieler schon Praxis
werden. Dabei waren sie nicht, wie es momentan
noch scheint, nur der Höhepunkt einer
kurzlebigen Protestbewegung. Sie waren -
längerfristig gedacht - vielmehr nur
die ersten Reaktionen der bewusstesten Teile
der Lohnabhängigen auf eine sich zuspitzende
Situation. Derjenigen die ihre Situation
am ehesten erkannt haben und sich darüber
bewusst sind, das nur der gemeinsame Kampf
vieler etwas ändert. Die verschiedenen
Protestaktionen waren seit langem die ersten
Konsequenzen aus einer wachsenden Unzufriedenheit
vieler, und hatten die richtigen Stossrichtung
- gegen die Interessen des Kapitals, für
die Interessen der Lohnabhängigen.
Dass die Forderung dieser Protestaktionen
bisher in den meisten Fällen noch sehr
oberflächlich und zurückhaltend
waren und die Kapitalistenklasse mit ihren
Vertretern in Politik, Medien und Gewerkschaftsführung
erfolgreich versuchte die Proteste im Keim
zu ersticken, zeigt dabei lediglich dass
die Bewegung noch in den Kinderschuhen steckt.
Neue Politiker braucht das Land
?
Dass sich die Situation in der BRD und auch
in anderen Industrienationen in den letzten
Jahren zugespitzt hat und die Unzufriedenheit
vieler mit den Verhältnissen dementsprechend
anwächst, ist weder Zufall noch ist
die tatsächliche Ursache allein in
der Politik von einer oder mehrerer der
bürgerlichen Parteien zu finden. Die
herrschende Politik, egal ob von SPD, CDU,
FDP oder Grünen umgesetzt, hat ganz
offensichtlich in jedem Fall die gleiche
Tendenz: Ausrichtung aller gesellschaftlicher
Bereiche wie momentan Bildungs- und Gesundheitswesen
nach Profitinteressen des Kapitals, Senkung
von Steuern und Lohnkosten für Unternehmen
mit gleichzeitiger Erhöhung der Steuern
und anderer Kosten sowie Kürzungen
der Ausgaben für alle anderen gesellschaftlichen
Schichten, ob ArbeiterInnen, RentnerInnen,
Jugendliche oder Studierende.
Diese Entwicklung hat in den 70ern begonnen
und schreitet seither mit zunehmendem Tempo
voran, unabhängig von welcher der bürgerlichen
Parteien sie konkret um- und durchgesetzt
wird.
Dem liegt nicht nur eine recht allgemeine
Tatsache zugrunde: Die bürgerlichen
Parteien an der Regierung haben per se eine
Stellung die direkt mit dem Kapital verflochten
ist. Sie werden direkt von den Unternehmen
finanziert und Politiker machen nicht selten
noch während oder im Anschluss an ihre
politische Laufbahn Karriere in hohen Stellungen
in der Wirtschaft. Sie verfolgen mit ihrer
Politik - den Reichen geben, allen anderen
nehmen - also schlicht ihr eigenes Interesse.
Damit lässt sich aber längst
nicht alles erklären und die konkreten
Ursachen liegen noch tiefer:
Der Antrieb des Kapitalismus sind steigende
Profite. Jede Nation und jedes Unternehmen
befindet sich somit in einem stetigen Konkurrenzkampf
um Investoren, Absatzmärkte, billige
Rohstoffe und kostengünstige Arbeitskräfte.
Wer nicht mithalten kann geht Bankrott oder
wird aufgekauft. Aus diesem Zwang helfen
weder guter Willen noch staatliche Regulierung
heraus.
Profite, um es vorweg zu nehmen, können
auf nur wenige Arten gesteigert werden:
- Durch die Öffnung verschiedener
gesellschaftlicher Bereiche für Investitionen
des Kapitals. Nach dem öffentlichen
Verkehr, der Energieversorgung, der Post
und einigen anderen, sind dies aktuell das
Gesundheits- und das Bildungswesen. Die
Folgen sind weitgehend bekannt: In diesen
Bereiche spielen die Bedürfnisse der
Menschen eine immer geringere Rolle und
in ihnen wird stattdessen rationalisiert
und verteuert was das Zeug hält.
- Ferner durch die Sicherung von billigen
Rohstoffe und Arbeitskräften sowie
von Absatzmärkten, kurz der Expandierung
des Kapitals nach außen. Dies findet
zum einen durch direkte militärische
Operationen, heute gerne "Friedensmissionen",
normalerweise aber Krieg genannt, statt.
Aber auch die Unterstützung von Diktaturen
in verschiedenen Ländern, die dem Kapital
der Industrienationen im Gegenzug gute Bedingungen
bieten, ist ein oft verwendetes Mittel.
- Das wichtigste Mittel um die Profite
anwachsen zu lassen ist und bleibt aber
die Senkung der Lohnkosten. Was sich recht
harmlos anhört, bedeutet Folgendes:
Einsparung bei Löhnen und Sozialausgaben,
Verlängerung der Arbeitszeiten, Schließung
der am wenigsten produktiven Standorte usw.
Verbunden damit natürlich Einschränkung
von Arbeitsrechten, Androhung von Arbeitslosigkeit
für alle die sich nicht genügend
ausbeuten lassen wollen oder können
usw.
Übrigens wird gerade dieser Umstand
im Kapitalismus, von seinen Profiteuren
gerne auf eine paradoxe Art dargestellt:
Es wird behauptet, wenn es der Wirtschaft
gut ginge, schlage sich der Aufschwung auch
auf die Lebenssituation (zumindest der arbeitenden)
Bevölkerung nieder. Wahr ist aber das
Gegenteil: Ein wirtschaftlicher Aufschwung
ist nicht die Voraussetzung für allgemeinen
Wohlstand, sondern baut auf unserer Verarmung
auf!
Der Kapitalismus war also nie ein System,
dass nach den Bedürfnissen der Menschen
ausgerichtet war. Selbst in Zeiten, in welchen
die "soziale Marktwirtschaft"
zumindest für große Teile der
Bevölkerung in den reichen Ländern
Realität zu sein schien, war die Situation
weltweit etwas genauer betrachtet das genaue
Gegenteil. Während das Kapital der
Industrienationen einen Teil seiner Profite
in sein ruhiges Hinterland, die Metropolen
wie die BRD, Frankreich, die USA etc. investierte
um dort großen Teilen der Bevölkerung
gewisse soziale Zugeständnisse und
einen relativen materiellen Wohlstand zu
bieten, ging dies auf Kosten der Menschen
in anderen Teilen der Welt. Ob die Morde
an Gewerkschaftern in Argentinien, Waffenexporte
in alle Teile der Welt, Unterstützung
von verschiedenen Militär-Diktaturen,
Billiglohn-Fabriken in denen die ArbeiterInnen
aufs brutalste ausgebeutet werden - überall
war und ist das Kapital der Industrienationen
beteiligt und sackt die Profite ein.
Je mehr aber der Konkurrenzkampf zwischen
den mächtigen Großunternehmen
sowie zwischen den nationalen Standorten
zunimmt, je weniger Möglichkeiten es
noch gibt die Profite weiter zu steigern,
desto mehr wird dieser Kampf auch wieder
zurück in die Metropolen getragen.
D.h. dass im "ruhigen Hinterland"
die Zugeständnisse an die Lohnabhängigen
nach und nach abgebaut werden: Sowohl direkt
im Betrieb als auch über Gesetze und
staatlichen Einschnitte. Außerdem
wird durch Privatisierungen in praktisch
allen Bereichen nach und nach die Kapital-Verwertung
rigoros durchgesetzt. Konkret erlebten wir
dies in den letzten Jahren u.a. im Gesundheitswesen
durch die Einführung der Praxisgebühren
und der Erhöhung der Zuzahlungen bzw.
im Bildungswesen durch Streichungen an den
Unis und die geplante Einführung der
Studiengebühren. Dies sind in beiden
Bereichen obendrein nur die ersten Schritte
der geplanten Umstrukturierungen.
Leicht fällt dies auch aufgrund der
Schwäche der Lohnabhängigen. Sie
hoffen nach wie vor zu großen Teilen
auf Zugeständnisse der Kapitalistenklasse
statt für ihre Interessen zu kämpfen,
ihre Gewerkschaftsführungen sind in
den meisten Fällen längst gekauft
und sie sehen keine Perspektive, sondern
nehmen die Einschnitte nahezu apathisch
hin oder sind gar durch Nationalismus und
Rassismus in unterschiedlicher Intensität
gespalten und gegeneinander aufgehetzt.
Die ganze Entwicklung nimmt dabei immer
absurdere Ausmaße an: Technischer
Fortschritt wird in Kriegsgeräte umgesetzt.
Die Entwicklung der Produktivkräfte
wird nicht genutzt um die Arbeitszeiten
für alle zu verkürzen - die Arbeitszeiten
werden für die einen verlängert
während andere entlassen werden. Stellen
in sozialen Bereichen, in Krankenhäusern
und an Schulen werden abgebaut. Nahrungsmittel
werden vernichtet während täglich
Tausende verhungern. Menschen sterben an
längst heilbaren Krankheiten weil sie
sich Medikamente nicht leisten können
und sie, aufgrund von Patentrechten auch
nicht selbst herstellen dürfen. Atomkraft,
die höchste Risiken und Müll verursacht,
der noch in Hunderten Jahren strahlt, werden
subventioniert anstatt die Entwicklung von
Alternativen Energiequellen ernsthaft zu
fördern. Wenige hundert Menschen besitzen
soviel wie die Hälfte der gesamten
Menschheit und die Schere zwischen arm und
reich entwickelt sich immer weiter auseinander.
Alles einzig und allein weil die Produktion
und Verteilung sich nach kapitalistischen
Zwängen, nach den Interessen derjenigen
die die Produktionsmittel besitzen, richtet.
Zusammengefasst wird für alle immer
mehr spürbar, dass die kapitalistische
Produktionsweise mit ihren Sachzwängen
und Symptomen nicht den Bedürfnissen
der Menschen dient, sondern diesen letztlich
immer mehr entgegengesetzt ist. Es gibt
kein zurück zu einem "sozialen
Kapitalismus" - den es ohnehin nie
gegeben hat. Daran ändern weder Appelle
an die Kapitalistenklasse noch staatliche
Regulierungsversuche etwas. Diese Entwicklung
kann nicht durch andere Politiker oder neue
bürgerliche Parteien aufgehalten und
schon gar nicht umgekehrt werden.
Was tun? WAS TUN!
Auch die Situation nach den Wahlen ist
im Groben also unschwer abzuschätzen
- die Entwicklung der letzten Jahre wird
weitergehen. Die bürgerlichen Parteien
sind sich einig, dass die "Reformen"
und Einschnitte der letzten Jahre nur der
Anfang waren: Von der Erhöhung der
Mehrwertsteuer, Heraufsetzung des Rentenalters,
Einführung von Studiengebühren,
weiterer Abbau von Rechten der ArbeiterInnen,
Verlängerung der Arbeitszeiten, Steuererhöhungen
für die unteren Einkommensschichten
bis zu weiterer Aufrüstung und Militarisierung
- dies alles und noch viel mehr ist in Planung
oder schon kurz davor umgesetzt zu werden.
Die nächsten Massendemonstrationen,
Streiks und Protestaktionen werden als Reaktion
auf die Verschärfung des Klassenkampfes
von oben wohl nicht lange auf sich warten
lassen. Zumal wenn die Politik nicht mehr
in sozialdemokratischer Manier "partnerschaftlich"
umgesetzt wird, sondern, wie es von CDU
und FDP zu erwarten ist, auf die konfrontative
Art. Und selbst bei einer großen Koalition
mit der SPD ist aufgrund der Intensität
der Angriffe davon auszugehen, dass es nicht
mehr länger so einfach gelingen wird
über die Gewerkschaftsführung
große Teile der Lohnabhängigen
ruhig zu halten.
Ob die Proteste, Streiks und Demonstrationen
mehr werden als Unmutsäußerungen
und Versuche zumindest dass Schlimmste zu
verhindern, haben dabei alleine wir in der
Hand. Wir dürfen uns nicht spalten
lassen sondern müssen erkennen, dass
Frauen und Männer, Deutsche und MigrantInnen,
Arbeiter, Arbeitslose, Auszubildende, Studierende
und Jugendliche zusammenstehen müssen.
Nur gemeinsam und entschlossen können
wir unsere Interessen durchsetzen.
Unsere Aktivitäten dürfen keine
vereinzelten Strohfeuer bleiben. Sie dürfen
nicht auf einzelne Betriebe oder Bereiche
beschränkt bleiben. Sie müssen
kontinuierlich und in verschiedenen Bereichen
stattfinden und immer auch eine internationale
Dimension beinhalten: Auf einzelne unbequeme
ArbeiterInnen kann ein Unternehmen verzichten,
selten aber auf den Großteil der Belegschaft,
verschiedene Standorte können nur solange
gegeneinander ausgespielt werden, solange
sie sich nicht gemeinsam zur Wehr setzen.
Dies ist die unmittelbare Perspektive des
Klassenkampfes, die unter den heutigen gesellschaftlichen
Verhältnissen mehr denn je notwendig
ist.
Dafür ist es notwendig, dass wir uns
auf verschiedenen Ebenen organisieren. Um
in Betrieben und an der Arbeitstelle ernsthaft
für unsere Interessen einstehen zu
können, sind gewerkschaftliche Organisierungen
unabdingbar. Das bedeutet kein Verlassen
auf die Gewerkschaftsführung,sondern
Gewerkschaftspolitik der Basis - im Ernstfall
auch gegen die Stillhalte-Politik der eigenen
Führung.
Gegen die Hetze und Übergriffe der
Nazis, gegen die Schliessungen von selbstverwalteten
Jugendhäusern und anderen Freiräumen,
gegen staatliche Repression, gegen Aufrüstung
und Kriege und gegen vieles andere gilt
es ebenso unseren Widerstand zu organisieren.
Die vielen Aktivitäten in diesen Bereichen
können nur voran gebracht werden, wenn
sich Strukturen bilden, die sie initiieren,
organisatorisch unterstützen und die
Erfahrungen die dabei gemacht werden auswerten.
Doch letztlich ist auch eine Organisierung
notwendig, die nicht bei den Widerstands-
und den ökonomischen Kämpfen stehen
bleibt, sondern eine Gegenmacht zur herrschenden
kapitalistischen Politik aufbaut. Dabei
dürfen wir uns schließlich nicht
auf die Linkspartei oder reformerische Organisationen
wie ATTAC u.ä. verlassen. Sie werden
uns mit ihrer auf Kompromisse und Sozialkapitalismus
ausgerichteten Politik nicht weiterbringen
sondern uns in die Sackgasse führen.
Auf die Perspektive kommt es an!
Unser Handeln und unsere Organisierung dürfen
längst nicht nur auf den Widerstand
und auf Abwehrkämpfe beschränkt
bleiben - es muss um eine längerfristige
Perspektive gehen. Lernen wir in den konkreten
Kämpfen unsere Interessen selbst zu
vertreten, so ist dies Weg und Ziel zugleich.
Was hindert schließlich die Mehrheit
der Gesellschaft daran, einer Minderheit,
die sie verwaltet, verplant, ausbeutet und
unterdrückt das Ruder aus der Hand
zu nehmen?! Gerade in der heutigen Gesellschaft
wird die Minderheit, die über den Großteil
des gesellschaftlich produzierten Reichtums
verfügt, die die Produktion und die
Verteilung der Waren kontrolliert immer
kleiner. Wir die Lohnabhängigen, die
(wenn auch in unterschiedlicher Weise und
Intensität) die Leidtragenden der gesellschaftlichen
Entwicklung sind, stellen den absoluten
Großteil der Gesellschaft: Wir stellen
das Arbeitslosenheer, produzieren täglich
die Waren, erledigen in Produktion, Verwaltung
und Verkauf die gesellschaftlich notwendige
produktive Arbeit.
Unsere Perspektive kann nur sein, eine
Produktionsweise und Gesellschaftsordnung
zu verwirklichen, die tatsächlich von
der Gesellschaft nach ihren Bedürfnissen
gelenkt und kontrolliert wird. Diese Perspektive
ist für uns der Kommunismus. Unter
Kommunismus ist nicht der Staatskapitalismus
der ehemaligen Ostblockstaaten zu verstehen,
sondern der gemeinsame Aufbau einer anderen
Gesellschaftsordnung: Einer Welt in der
die Grundlage der kapitalistischen Produktionsweise,
der Privatbesitz an Produktionsmitteln abgeschafft
ist. Eine Welt in der das Interesse des/der
Einzelnen nicht im Widerspruch zum Interesse
der Allgemeinheit steht, da der längst
vorhandene bzw. ohne weiteres zu realisierende
gesellschaftliche Reichtum allen zur Verfügung
gestellt - und von allen weiterentwickelt
wird. Eine Welt in der dass kapitalistische
Chaos der Produktion und Verteilung aufhört
und an seine Stelle die Organisierung aller
Aufgaben nach dem Interesse aller ausgerichtet
ist. Eine Welt in der mit dem Ende des Kampfes
der Klassen auch der Kampf der Nationen
gegeneinander aufhört.
Es scheint vielleicht einer übermenschlichen
Aufgabe zu gleichen, die Geschicke der Gesellschaft
bestimmen zu wollen. Doch nichts anderes
geschieht auch dann, wenn wir tagtäglich
die selbsternannten Experten aus Wirtschaft
und Politik gewähren lassen - und sie
alles nach dem Interesse der Kapitalistenklasse
ausrichten.
Dabei liegt diese Gesellschaft nur scheinbar
in einer zu fernen Zukunft: Tagtäglich
finden Kämpfe revolutionärer und
kommunistischer Bewegungen und Organisationen
unter weit schwierigeren Bedingungen als
wir sie hier vorfinden statt. Ob in Nepal,
Indien, vielen Ländern Lateinamerikas,
Asiens und auch Europas, überall sind
kommunistische Organisierungen zu verzeichnen.
Diese sind so unterschiedlich wie die gesellschaftlichen
Bedingungen in denen sie sich organisieren
müssen. Sie reichen vom erfolgreichen
Guerillakampf in Nepal und Selbstorganisierungen
in Arbeiter- und Armenvierteln Venezuelas
über militante Massenstreiks in Spanien
bis hin zu neuen Reorganisierungsversuchen
der einst weitgehend zerschlagenen kommunistischen
Bewegung Italiens.
Historisch betrachtet hat der Kampf für
eine klassenlose, eine befreite - eine kommunistische
Gesellschaftsordnung, die die kapitalistische
Barbarei auf den Müllhaufen der Geschichte
befördert weltweit gerade erst begonnen.
Mit jeder Veränderung die wir anstreben
in Richtung einer solidarischen Gesellschaft,
jedem Auseinandersetzen mit den Ursachen
der gesellschaftlichen Probleme und ihrer
Lösung, jedem ernsthaften Protest und
Widerstand gegen den Kapitalismus und seine
Symptome, jedem Kampf gegen die rechten
und faschistischen Kräfte, gegen Rassismus,
Nationalismus und patriarchale Unterdrückung
- jedem Organisieren von Strukturen die
uns dabei weiterbringen, kommen wir unserem
Ziel näher.
Wir haben also die Wahl: Kapitalistische
Barbarei oder Klassenkampf für unsere
Interessen mit der Perspektive einer kommunistischen
Gesellschaftsordnung!
ob oder wohin wir am 18. September
unser Kreuz machen spielt dabei übrigens
keine allzu entscheidende Rolle.
Anhang 1:
Nur die dümmsten Kälber
wählen ihre Metzger selber
Ein realistisches Szenario nach den
Wahlen ist eine CDU/FDP Koalition. Im diesem
Fall erwarten uns wohl die heftigsten Angriffe
des Kapitals seit Jahrzehnten. Auf betrieblicher
Ebene bedeutet dies z.B. Abbau des Kündigungsschutzes,
Angriffe auf die Flächentarifverträge,
Einschränkung der Mitbestimmungsrechte
der Gewerkschaften bzw. der ArbeiterInnen,
etc. Ebenso werden alle Lohnabhängigen
von weiteren Umstrukturierungen im Gesundheitswesen
betroffen sein, dass weiter ausschliesslich
zu Gunsten der hohen Einkommensschichten
umgebaut und weiter für die Kapitalverwertung
geöffnet werden soll. Die geplanten
Einschnitte dort gingen nicht umsonst selbst
hartgesottenen Unions-Politikern wie Horst
Seehofer zu weit. Wer bisher meinte, dass
Otto Schily was weitere Schritte in Richtung
Polizeistaat angeht, nicht zu übertreffen
sei, wird wohl vom CSU-Hardliner Günter
Beckstein eines Besseren belehrt werden.
Seine Planungen sehen die Einsetzung der
Bundeswehr im Inneren, weitere Aufrüstung
von Polizei und Geheimdiensten, Abbau rechtlicher
Beschränkungen derselben, weitere Gesetzesverschärfungen
u.ä. vor.
Letztlich haben Konservative und Liberale
für alle gesellschaftlichen Gruppen
etwas im Säckchen: Für Studierende
weitere Streichungen an den Unis sowie Studiengebühren,
für MigrantInnen noch restriktivere
Diskriminierungsgesetze, für RenterInnen
weitere Kürzungen, für Frauen
weitere Streichungen von Geldern für
Frauenberatungs- und Anlaufstellen, für
Kinder und Jugendliche weitere Sparmassnahmen
bei Jugendeinrichtungen usw. usf.
Alle ihre Wahlkampf-Phrasen von "gerechter
Politik", "Marktwirtschaft im
Dienste aller" usw. werden sich einmal
mehr als Lügen entpuppen. Bleibt zu
hoffen und darauf hinzuwirken, dass dies
von den meisten auch so begriffen wird und
sie ihre Wut nicht auf die Sündenböcke
lenken lassen, die ihnen gleichzeitig vorgeworfen
werden - ob Arbeitslose, auch "Sozialschmarotzer"
genannt, MigrantInnen, aktive GewerkschafterInnen
oder andere.
Das zweite realistische Szenario, zumindest
im Falle einer fehlenden Mehrheit für
CDU und FDP, ist eine große Koalition
aus CDU und SPD. Einen entscheidenden Unterschied
würde dies natürlich nicht machen.
Es ist lediglich davon auszugehen, dass
die SPD dann versuchen wird all die Verschlechterungen
zumindest soweit abzudämpfen, dass
sie nicht sämtliche Glaubwürdigkeit
als sozialere Alternative verliert. Wie
wenig dies ausmachen wird, können wir
uns leicht vorstellen, wenn wir ihre momentane
Politik betrachten. Sie hat die kapitalistischen
Sachzwänge teilweise sogar hemmungsloser
durchgesetzt als andere Parteien es sich
bisher erlaubten. Mit dem Krieg gegen Jugoslawien
führte sie erstmalig wieder militärische
Angriffe auf andere Länder durch, setzte
mit Hartz IV massive Sozialkürzungen
für Millionen Menschen durch, schränkte
die Rechte für MigrantInnen weiter
ein, setzte Gesetzesverschärfungen
durch und baute Bürgerrechte zu Gunsten
der "inneren Sicherheit" ab. In
praktisch allen Bereichen, vom Gesundheitswesen,
über die Rente bis zur Situation an
den Schulen und Universitäten konnte
sie mit ihren "Reformen" Verschlechterungen
durchsetzen. Ihr Trumpf, mit dem sie dies
alles mit - im Vergleich zu diesen Einschnitten
- recht geringem Widerstand, umsetzen konnte,
war vor allem einer: Sie ist fest im Gewerkschaftsapparat
verankert und erscheint für viele nach
wie vor als Interessenvertreterin der Lohnabhängigen.
Das Bewusstsein der Betroffenen passt sich
zumindest in einer Hinsicht aber mittlerweile
an die offensichtliche Realität an
und die SPD verliert immer mehr an Zuspruch.
Ihren Job als Vorreiterin für die Kapitalinteressen
hat sie allerdings erfüllt und wird
ihn in einer großen Koalition wohl
auch bis zu ihrem bitteren Ende als sozialdemokratische
Partei fortsetzen.
In jedem Fall muss das Ziel sein, dass
die "Enttäuschung" von den
bürgerlichen Parteien nicht zu Frust
und Desinteresse führt sondern zur
Erkenntnis, dass nur das gemeinsame Handeln
für eine andere Welt uns weiter hilft.
Anhang 2:
Linkspartei als Rettung???
Als Zusammenschluss von PDS, WASG (Wahlalternative
Arbeit und Soziale Gerechtigkeit) und einigen
unabhängigen Einzelpersonen, tritt
die Linkspartei bei den kommenden Bundestagswahlen
erstmalig an. Ihr Programm ist vergleichbar
mit dem der SPD aus ihrer Zeit in der Opposition:
Die Wirtschaft soll durch eine gesteigerte
Kaufkraft möglichst breiter Teile der
Bevölkerung angekurbelt werden. Dies
soll durch eine höhere Besteuerung
auf Gewinne der Unternehmen sowie der Großverdiener
und damit einhergehend einer Entlastung
der LohnempfängerInnen geschehen. Mit
zumindest einer Grundbasis an sozialen Rechten
für ArbeiterInnen, Arbeitlose, Rentner
etc. soll eine tatsächlich "soziale"
Marktwirtschaft realisiert werden. In Fragen
der militärischen Aufrüstung,
des Umweltschutz, der Drogenpolitik und
bei weiteren Gesetzesverschärfungen
vertritt sie ebenfalls eine etwas liberalere
Politik als die anderen bürgerlichen
Parteien, natürlich auch hier ohne
grundlegend die herrschende Politik in Frage
zu stellen.
Mit dem Auftauchen der Linkspartei sind
letztlich durchaus fortschrittliche Entwicklungen
zu beobachten: Zum einen beginnt die steinharte
Verankerung der SPD in den Gewerkschaften
und bei grossen Teilen der Lohnabhängigen
zu bröckeln. Zum anderen werden im
Wahlkampf Positionen thematisiert, die in
eine andere Richtung weisen als die ständige
Propagierung einer weiteren Umverteilung
zugunsten der Kapitalistenklasse.
Ersteres, die Hinwendung zumindest einiger
Teile ehemaliger SPD-Treuer, hin zur Linkspartei,
ist auch deswegen eine positive Entwicklung,
weil bisher eine zunehmende Unzufriedenheit
mit der SPD und ihren Gewerkschaftsfunktionären
bei vielen eher zu einer Entpolitisierung
als zu einer anderen politischen Bezugnahme
geführt hat. Zwar birgt das Zustandekommen
der Linkspartei die Gefahr, dass gerade
die Menschen die aus guten Gründen
mit der SPD gebrochen haben, nun mit der
Linkspartei erneut den Weg in eine Sackgasse
einschlagen. Inwieweit ein weitergehendes
in Frage stellen des "Sozialkapitalismus"
aber letztlich stattfindet, hängt nicht
nur von der Linkspartei ab, sondern in erster
Linie von der Politik und Organisierung
der revolutionären Kräfte.
Zweiteres, die Thematisierung von Positionen
im Wahlkampf, die sich gegen die angebliche
Alternativlosigkeit weiterer Einschnitte
zugunsten der Kapitalistenklasse richten
und zumindest oberflächlich die Interessen
der Lohnabhängigen vertreten, weist
immerhin in die richtige Richtung. Natürlich
auch hier mit dem faden Beigeschmack von
populistischen Phrasen und letztlich einer
Bezugnahme ausschliesslich auf die BRD und
damit verbunden auch offenen und verdeckten
nationalistischen Positionen - etwas anderes
ist, vor allem in Zeiten von Krisen und
der Verschärfung der allgemeinen Situation,
von einer bürgerlichen Partei aber
auch nicht zu erwarten.
Im gesamten betrachtet muss klar sein, dass
die Linkspartei, selbst wenn sie es wollte,
nichts grundlegend ändern wird. Sie
befindet sich von vorneherein auf dem selben
Weg wie die SPD und stellt den Kapitalismus
und damit auch seine Sachzwänge nicht
in Frage. Auch sie wird, sobald sie an der
Regierung ist, genau das tun was jede andere
Partei an dieser Stelle auch tun muss: Sie
wird versuchen, steigende Profite für
das nationale Kapital zu gewährleisten
und den "Standort Deutschland"
mit einer weiteren Verschlechterung der
Situation der Lohnabhängigen zu stärken.
Auch wer die Linkspartei als kleinstes Übel
wählt, in der Hoffnung dass damit zumindest
fortschrittliche Positionen Einzug in die
Politik erhalten und zumindest auf unteren
Ebenen kleine Verbesserungen die Folge sind,
sollte nicht dabei stehen bleiben. Letztlich
führt ein Kreuz auf dem Wahlzettel
nie zu wirklichen Veränderungen - diese
müssen nach wie vor erkämpft werden.